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  • Christine Staehelin
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Handelskammer-Präsidentin in Bundesbern: «Manchmal dürften die Basler durchaus ein wenig selbstbewusster auftreten»

Elisabeth Schneider-Schneiter ist Präsidentin der Handelskammer beider Basel, vertritt die Region Basel als Nationalrätin in Bundesbern und ist FC Basel-Fan. Mit barfi.ch sprach sie über Frauen in Führungspositionen, die Vereinbarkeit von Karriere und Familie und weshalb Fussball manchmal wie Politik ist. 

Elisabeth Schneider-Schneiter, beginnen wir mit einer Frage zur aktuellen Politik. Während viele Länder Russland sanktionieren und russische Diplomaten des Landes verweisen, setzen Sie als Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats auf einen Dialog mit Russland. Weshalb wählen Sie diesen Weg?

Ich arbeite seit Jahren in der parlamentarischen Versammlung des Europarates und gehöre dort zur Schweizer Delegation. Ich sehe, welche Auswirkungen es hat, wenn man Russland oder auch die Türkei vom Dialog ausschliesst. Durch die Sanktionspolitik schottet man diese Länder ab, entfernt sie von uns und das bringt keinen Frieden. Frieden in Europa ist nur mit Russland zu erreichen. Dazu gehört der Dialog und das Einbinden, nicht das Ausschliessen. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Beziehungen zwischen Unternehmen beflügeln den Dialog und bringen Frieden. Gute Wirtschaftsbeziehungen bringen uns Stabilität und Sicherheit. 

Das bedeutet jedoch auch, dass man mit einer sehr umstrittenen Regierung in Dialog tritt. Stellt dies für Sie kein Problem dar? 

Wenn ich gegen Sanktionen bin und für den Dialog, heisst das nicht, dass ich das aktuelle Regime unterstütze. Aber wenn wir Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in Europa, oder gar weltweit, schützen möchten, dürfen wir den Dialog nicht verhindern. Aktuell richtet sich Russland nach China aus. Dies birgt die Gefahr einer Blockbildung, was für Europa nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sicherheitspolitisch verhängnisvoll wäre. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, bin ich weder mit dem Demokratieverständnis, dem Umgang mit den Menschenrechten, noch der Rechtsstaatlichkeit in diesen Ländern einverstanden.

Die neuen Nationalraete (von links) Peter Flueck (FDP-BE), Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP-BL) und Sebastian Frehner (SVP-BS) legen den Eid ab, am Montag, 29. November 2010, waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete in Bern. @Keystone 

Wechseln wir von der Weltpolitik zur eidgenössischen Politik. Sie sind Nationalrätin und vertreten in Bundesbern den Kanton Basel-Landschaft. Welche Dossiers sind momentan zentral in Ihrer Arbeit?

Es sind einige Dossiers hängig, bei welchen dringende Reformen anstehen. Ein zentrales Thema ist die Europafrage. Die institutionelle Anbindung an die Europäische Union muss nachhaltig geklärt werden, um v.a. auch unserer exportorientierten Basler Industrie Rechtssicherheit zu geben. Als Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates bin ich direkt in die konkrete Ausgestaltung dieser Frage involviert. Aber auch die Steuervorlage 17 ist wesentlich. Wie können Unternehmenssteuern langfristig ausgestaltet werden, damit unser Wirtschaftsstandort nicht verliert? Eine weitere dringende Reform steht bei der Altersvorsorge an. Nachdem eine entsprechende Vorlage letzten Herbst gescheitert ist, liegt weit und breit keine mehrheitsfähige Lösung auf dem Tisch.

Sie setzen sich für das Herzstück und auch den Bahnanschluss zum Euro Airport Basel-Mulhouse ein. Wie schwierig ist es, in Bundesbern als Basler Vertreterin gehört zu werden?

Diese beiden Projekte sind für unsere Region wichtig und wir müssen alles daran setzen, dass sie realisiert werden. Ein schwieriges Unterfangen, weil die Region Basel in Sachen Infrastruktur bisher immer etwas zu kurz gekommen ist. Um in Bern erfolgreicht zu sein, müssen alle Akteure zusammen stehen. Aber die Kräfteverhältnisse machen es unserer Region nicht einfach. Die beiden Basel schicken insgesamt vierzehn Vertreter, zwölf National- und zwei Ständeräte, nach Bern. Alleine Zürich hat 37 Sitze und Bern 27. Um Mehrheiten für unsere Anliegen zu schaffen, müssen wir uns Verbündete suchen. Das ist  eine langjährige Knochenarbeit. Hier ist erfolgreiches Lobbying gefragt. Im Bereich der Infrastrukturen werden wir aktuell von der Handelskammer beider Basel unterstützt. 

Visionierung des Herzstück-Bahnhofs bei der Hauptpost in Basel @Herzog & de Meuron  

Die Lobbyarbeit trägt stark zur Meinungsbildung der Parlamentarier bei. Hat sich jene der beiden Basel in den vergangenen Jahren verbessert?

Ja, sie ist effizienter geworden. Die Regierungen schalten sich bei wichtigen Dossiers ein, liefern Grundlagen und zeigen auf, was für die Region wichtig ist und wo wir uns ganz konkret einsetzen müssen. Zudem hat sich die Zusammenarbeit im Parlament unter Vertretern der beiden Basel ebenfalls verbessert.

Können Sie dazu ein konkretes Beispiel nennen?

Das Herzstück ist ein Beispiel von guter Zusammenarbeit. Regierungen, regionale Wirtschaft und Parlamentarier sprechen mit einer Stimme. Nun hoffen wir, dass wir damit erfolgreich sind und unsere Projekte in die Finanzierungsprogramme des Bundes aufgenommen werden. 

Früher wurden vor allem die Differenzen zwischen Baselstädtern und Baselbietern wahrgenommen. Hat diesbezüglich ein Wandel stattgefunden?

Bei Fragen von übergeordneter Bedeutung hat sich die Zusammenarbeit stark verbessert. Wir müssen das Verbindende ins Zentrum stellen. Wenn wir immer nur über Differenzen wahrgenommen werden, verliert die ganze Region.

Ist dieser Wunsch nach Konsens der häufigste Kritikpunkt an Ihrer Politik?

Kompromisse zu finden gehört zum Erfolgsmodell der schweizerischen Demokratie. Ich gehöre der politischen Mitte an, welche dabei eine zentrale Rolle spielt und in der Regel die Mehrheiten beschafft. Diese Arbeit ist intensiv, man kann nicht stur die eigenen Positionen vertreten, sondern muss einen Mittelweg zwischen den politischen Polen suchen. Klar, dass der Kompromiss den Rechten oft zu links und den Linken oft zu rechts ist. Dass das Suchen nach Lösungen und der Kompromiss komplexer ist, erschwert die Kommunikation nach aussen. Leider ist der Kompromiss für die Medien weniger spannend, als zwei völlig kontroverse Haltungen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Basel haben oft das Gefühl, sie kämen in der eidgenössischen Politik zu kurz. Stimmen Sie mit dieser Meinung überein?

Ich sehe es positiv. Basel ist so gut, dass es die anderen Kantone gar nicht nötig hat (lacht). Aber es ist schon so. Die beiden Basel könnten noch selbstbewusster und fordernder auftreten. Wir haben so viel zu bieten: Einen starken Wirtschaftsstandort mit den wichtigsten Industrien der Schweiz, die Rheinhäfen sind das Tor zur Welt, eine reichhaltige Kultur mit den besten Architekten der Welt und die älteste Universität der Schweiz. 

Ist dieses manchmal fehlende Selbstbewusstsein auch eine Frage der Mentalität?

Das kann sehr gut sein. Der Basler protzt nicht, mit dem was er hat. Es liegt uns einfach nicht, wir sind zurückhaltend. Im Gegensatz zum Zürcher schätzt der Basler mehr das Understatement. Manchmal dürften die Basler durchaus ein wenig selbstbewusster auftreten,

Erhält die Region Basel nach dem Rücktritt von Doris Leuthard erneut eine Bundesrätin? Denken Sie über eine Kandidatur nach?

Eine Frage, welche mir in den letzten Monaten oft gestellt worden ist und welche ich immer gleich beantworte. Ich stecke meine Energie in jene Projekte, die jetzt und heute aktuell sind. Bundesrätin Doris Leuthard sitzt fest im Sattel und das ist gut so.

Elisabeth Schneider-Schneiter mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Oktober 2017. Ob die Nationalrätin als Nachfolgerin von Doris Leuthard kandidiert, möchte sie heute noch nicht verraten. © Keystone

Sie sind eine erfolgreiche Politikerin, haben eine Karriere in der Wirtschaft und zuhause eine Familie. Wie schaffen Sie das?

Das ist eine Frage, die man vor allem Frauen stellt. Männer fragt man dies wohl eher selten. Mit meinen verschiedenen Tätigkeiten ergeben sich viele Synergien. Das eine wäre ohne das andere nicht so spannend. Ein Beispiel: Als Aussenpolitikerin beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit Aussenwirtschaft. Gerade in der Region Basel hat diese für die chemisch-pharmazeutische Industrie eine zentrale Bedeutung. Somit ist das Präsidium der Handelskammer eine Ergänzung zu meiner politischen Arbeit. Wenn ich die Anzahl meiner Mandate mit denjenigen meiner Kollegen vergleiche, dann bin ich immer noch relativ bescheiden unterwegs.

Stört es Sie, dass vor allem Frauen nach der Belastung von Karriere und Familie gefragt werden? 

Ja, das stört mich. Ich kenne ja meine Belastunggrenzen. Damit wird suggeriert, dass es Frauen nicht schaffen Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen. Das mag mit ein Grund sein, dass Frauen weniger Mut haben Führungspositionen zu übernehmen. Es wird ihnen ja ständig ein schlechtes Gewissen gemacht.

Sind Sie in dem Fall eine Befürworterin der Frauenquote? 

Nein. Quoten sind nicht zielführend, sondern belasten ein Unternehmen zusätzlich. D.h. aber nicht, dass Unternehmen sich nicht anstrengen sollten Frauen ins Kader zu bringen. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in einer Geschäftsleitung oder einem Verwaltungsrat bringt Innovation und Erfolg. Aber Frauen müssen sich dieser Herausforderung stellen, indem sie zum Beispiel Vollzeit arbeiten. Teilzeitarbeit ist zwar populär, sie ist aber ein Karrierekiller. Wenn Frau Vollzeit arbeitet, verteilt sich auch die Familienarbeit gleichmässiger auf beide Partner.

Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP-BL), Andrea Gmuer-Schoenenberger (CVP-LU) und Christine Bulliard-Marbach (CVP-FR), von rechts, fotografieren sich am letzten Tag der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Freitag, 18. Dezember 2015 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Gibt es Momente, die besonders schwierig sind als berufstätige Mutter?

Ich glaube, jeder Mutter (und auch dem Vater) tut es ein wenig weh, wenn sie am Morgen das Haus verlässt. Manchmal wäre es auch schöner, wenn man bei den Kindern bleiben könnte. Die Zeit mit dem Nachwuchs ist aber eine Frage der Qualität, nicht der Quantität. Für mich ist die sogenannte «Quality Time» sehr wichtig und dass die Kinder wissen, dass ich für sie da bin, wenn sie mich brauchen. Die Erreichbarkeit ist aufgrund der technischen Möglichkeit ja mittlerweise unbegrenzt.

Sie sind auf Social Media aktiv und feuern auf Facebook auch mal den FC Basel an. Hoffen Sie noch auf den Meistertitel? 

Ich wünsche dem FC Basel alles Gute und viel Erfolg mit der jungen Mannschaft. Ich wünsche, dass Raphael Wicky den mutigen Weg weiter geht. Meine Familie und ich gehören zu jenen, die auch ins Joggeli gehen, wenn der FC Basel nicht Meister ist. Manchmal muss man verlieren, um Stärke zu entwickeln. Nur aus Niederlagen wird man wirklich stark. Das weiss ich als Politikerin nur zu gut. 

Was gibt Ihnen die Energie für die vielen Aufgaben und Projekte?

 Die Familie. Es ist ein grosser Vorteil, wenn man nach Hause kommt und mit ganz anderen Fragen als denjenigen aus der Politik konfrontiert wird. Man wechselt dann zu Themen, die zentral für das Familienleben sind. Ich las kürzlich, dass ein Politiker sagte, die Familie wäre einer Karriere in der Politik hinderlich. Für mich ist das Gegenteil der Fall. Die Familie gibt mir Kraft.

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