Prof. Michael N. Hall ©Biozentrum, Universität Basel
Prof. Michael N. Hall ©Biozentrum, Universität Basel
  • Binci Heeb / Englische Übersetzung: Dr.med. Kathrin Bühler, Public Relations, Biozentrum der Universität Basel
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Interview mit Lasker-Preisträger Professor Michael N. Hall: «Ich geniesse die Preise, die ich habe»

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Professor Michael N. Hall vom Biozentrum der Universität Basel hat ein neues Anti-Krebs-Protein entdeckt. Welche Auswirkungen diese Erkenntnisse bei der Behandlung von Krebspatienten haben werden, erfahren Sie im grossen Wocheninterview.

barfi.ch: Herr Professor Hall, Sie sind seit 1987 am Biozentrum der Universität Basel tätig, seit 1992 als Professor. Sind die Forschungsbedingungen am Basler Biozentrum besonders gut, dass Sie nun schon seit über 30 Jahren hier arbeiten?

Michael N. Hall: Ja, ich bin am Biozentrum geblieben, da die Forschungsbedingungen sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene hervorragend sind. Die Bedingungen hier sind ideal, um Neugier-getriebene Grundlagenforschung oder auch angewandte Forschung zu betreiben. In meinem Fall ist es der Wissensdrang, der meine Forschung antreibt. 

Was macht den Forschungsstandort Basel einzigartig?

Es gibt eine ausgezeichnete Struktur für die Forschungsförderung, lokal und national, und einen reichen Pool an gut ausgebildeten Menschen, guten Kollegen und es liegt zentral, mitten im Herzen Europas. Und als lebendiger Biotech- und Pharmastandort, zieht Basel zahlreiche Forscher aus aller Welt an. So war es auch in meinem Fall.

1991 entdeckten Sie die Proteinkinase TOR, sind führend in der Erforschung des TOR-Signalwerks. Für nicht Wissenschaftler, was darf man sich darunter vorstellen und weshalb war die Entdeckung so wichtig?

Ich beschreibe TOR oft als das Gehirn der Zelle. Es misst die Bedingungen in der Umgebung und steuert daraufhin das Verhalten der Zelle. Wenn zum Beispiel Nährstoffe vorhanden sind, erhält die Zelle die Anweisung zu wachsen.

Sie sind Pionier auf dem Gebiet des Zellwachstums, welches gerade bei Krebserkrankungen sehr wichtig ist. In welchen anderen Bereichen kommt Ihre Forschung zudem zum Tragen?

Das Zellwachstum ist ein sehr weites Feld und TOR spielt daher in vielen Bereichen eine Rolle z.B. bei zahlreichen Krankheiten (auch bei Diabetes) aber auch bei normalen physiologischen Vorgängen wie dem Lernen und der Gedächtnisbildung, dem Altern und Muskelaufbau usw. Die Liste ist beinah endlos. 

Ein Forscherteam unter Ihrer Leitung hat unlängst ein neues Anti-Krebs-Protein entdeckt. Das Protein LHPP soll verhindern, dass sich Krebszellen in der Leber ungebremst vermehren. Was bedeutet das genau für Leberkrebspatienten?

Unsere Erkenntnis, dass LHPP eine Histidin-Phosphatase ist (es entfernt Phosphatgruppen vom Histidin der Proteine) deutet darauf hin, dass die unkontrollierte Phosphorylierung am Histidin von Proteinen krebsauslösend ist. Dies bedeutet, dass wir möglicherweise Krebs behandeln oder verhindern können, indem wir sogenannte Histidin-Kinasen hemmen. Das sind Enzyme in der Zelle, die das Gegenteil von LHPP bewirken und Phosphatgruppen an Histidine im Proteinen hängen. Man bezeichnet dies auch als Histidin-Phosphorylierung. Darüber hinaus gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der Krebserkrankung und dem LHPP-Spiegel. Daher kann LHPP als Biomarker eingesetzt werden und Ärzten bei der Entscheidung helfen, welche Therapie für den Patienten am besten geeignet ist.

 

Bis wann dürfen Leberkrebspatienten aufgrund Ihrer neuesten Erkenntnisse mit einer Therapie rechnen?

Nicht so bald. Die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die Klinik zu bringen, erfordert noch sehr viel Arbeit. Wir hoffen, dass die Pharmafirmen durch unsere Arbeit auf die Histidin-Phosphorylierung als ein mögliches Angriffsziel aufmerksam werden. Aber wir stehen noch ganz am Anfang.

Gibt es Hoffnung, dass eine mögliche Therapie auch bei anderen Krebserkrankungen zum Tragen kommen könnte?

Dem muss natürlich nachgegangen werden. Aber ich vermute, dass eine fehlgesteuerte Histidin-Phosphorylierung nicht nur spezifisch für Leberkrebs ist, sondern auch bei anderen Krebsarten eine Rolle spielt.

Im vergangenen Jahr erhielten Sie mit dem Lasker-Award für die Erforschung des TOR-Proteins. Wie erfuhren Sie davon?

Ich habe eine E-Mail bekommen, als ich gerade das Flugzeug von Zürich nach Boston bestiegen habe. Es war ein sehr erfreulicher Flug.

Dieser Preis gilt als höchste Auszeichnung in der biomedizinischen Forschung. Könnte also nur noch durch Nobelpreis für Medizin getoppt werden. Denkt man als Wissenschaftler überhaupt daran? 

Eigentlich nur dann, wenn Journalisten danach fragen. Einer meiner Lieblingsphilosophen, Epikur, schrieb: «Verdirb dir nicht, was du hast, indem du dir wünschst, was du nicht hast; denke daran, dass das, was du jetzt hast, einst zu den Dingen gehörte, die du dir erhofft hattest». Ich geniesse die Preise, die ich habe. Ausserdem gibt es viele Lasker-Gewinner, die keinen Nobelpreis gewonnen haben.

Sie sind in Puerto Rico geboren, haben in den Vereinigten Staaten studiert und leben jetzt in Basel. Wie gefällt es Ihnen in unserer Stadt? 

Ich bin jetzt Schweizer Staatsbürger und Basel-Stadt ist meine Heimat. Ich lebe seit 30 Jahren hier und meine Kinder sind hier geboren. Man könnte sagen, ich bin fast ein Bebbi, obwohl ich kein Schweizerdeutsch spreche.

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