Frau Fasnacht an der Fasnacht: «Mein Lieblings-Gosdym ist heutzutage die Alti Dante, wobei ich sie auch manchmal durch eine satte Grytte austausche.»
Frau Fasnacht an der Fasnacht: «Mein Lieblings-Gosdym ist heutzutage die Alti Dante, wobei ich sie auch manchmal durch eine satte Grytte austausche.»
  • Christian Platz, Text und Bild
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Interview mit der wahren und einzigen Frau Fasnacht: «Ohne eine gesunde Portion Wut im Ranzen kann es keine Fasnacht geben»

Es war ganz und gar nicht einfach, weil sie jedes Jahr nur 72 Stunden lang in Basel weilt, doch barfi.ch hat es geschafft: Wir haben Frau Fasnacht interviewt, die einzige, die wahre. Letztes Jahr, am Ändstraich, haben wir sie erwischt, als sie sich anonym unter ihr Volk mischte, wie sie es jedes Jahr zu tun pflegt. Das Interview haben wir sorgfältig aufbewahrt – um es dieses Jahr, unmittelbar vor den drey scheenschte Dääg, zu veröffentlichen. Voilà. 

barfi.ch: Liebe Frau Fasnacht, wir wissen, dass man diese Frage einer Dame eigentlich nicht stellen sollte. Aber bei Ihnen möchten wir gerne – weil sie offensichtlich schon derart viel erlebt haben – eine Ausnahme machen: Wie alt sind sie eigentlich?

Frau Fasnacht: «Das könnte ich Ihnen beim besten Willen, auch wenn ich den keineswegs habe, nicht sagen. Als ich auf die Welt kam, gab es nämlich das Phänomen Zeit noch gar nicht. Ich war ja vor den Menschen da. Ich bin ein Teil von jener Kraft, die jene Schienen gebaut hat, auf denen ein Zug namens Realität dem letzten Bahnhof entgegenfährt. Wissen Sie, ich hatte schon im Paradies die Lacher auf meiner Seite».

barfi.ch: Aber wie hat die Fasnachtszeit in ihrer Jugend eigentlich ausgesehen?

Frau Fasnacht: «Wild. Unendlich wild. Es gab damals ja noch keine Scham. Also konnte man auch nicht schamlos sein. Es gab noch keine Kleider, deshalb konnte man sich nicht verkleiden. Das fasnächtliche Treiben bestand deshalb aus reinem, schäumendem, rasendem Übermut. Das Spiel mit der Ironie, dem Zynismus, dem bösen Humor hat sich erst nach dem Sündenfall entwickelt. Vorher fehlte halt einfach die Reibungsfläche, die den Fasnachtshumor erzeugt. Denn ohne Faust im Sack, ohne eine gesunde Portion Wut im Ranzen kann es keine Fasnacht geben».

barfi.ch: Können Sie uns von Ihren Anfängen am Rheinknie berichten?

Frau Fasnacht: «Das ist schon sehr lange her. Aber wenn ich in meinen Erinnerungen grabe, sehe ich vor allem Feuer. Grosse Feuer, um die getanzt, über die gesprungen, an denen getrunken, gelacht und Liebe gemacht wurde. Ich sehe Feuerscheiben, die von der Pfalz aus über den Rhein flogen, gespickt von starken Männern und keltischen Walküren, begleitet von Hornstössen, übermütigen Liedern, giftigen Sprüchen».

barfi.ch: Danach sind sie dann ja recht gefährlich geworden. Früher waren Sie bei der Obrigkeit gefürchtet – und manchmal hat sogar Blut an ihren Händen geklebt, das erwartet man gar nicht von einer feinen Dame. Was war das für eine Phase?

Frau Fasnacht: «Feine Dame... Ach, mein Lieber, heute mag ich so wirken, aber als junge Frau war ich ein richtiges Rääf, eine Räuberbraut, eine Rheinpiratin. Denn eins müssen Sie wissen, ich passe mich den Zeitläufen an. In jeder geschichtlichen Periode zeige ich mich mit jenem Gesicht, das die Menschen gerade verdienen. Heute trete ich als elegante Alti Dante auf. Früher habe ich aber oft genug eine furchterregende Fratze getragen – und war zudem zeitweise ganz schön sexy (lacht). Das waren ja auch harte Zeiten, ich sage es Ihnen klipp und klar, junger Mann, Sie würden keinen einzigen Tag im 13. oder 14. Jahrhundert aushalten. Und schon gar keine Fasnacht! Da waren die Menschen noch aus härterem Holz geschnitzt...»

barfi.ch: Wie hat sich das genau manifestiert?

Frau Fasnacht: «Denken Sie nur an die so genannte Böse Fasnacht im Jahr 1376. Damals liess dieser furchtbar hochnäsige Herzog Leopold III. von Österreich –während der Fastnachtszeit – auf dem Münsterplatz ein Turnier ausrichten, das in einem blutigen Tumult endete, die Bürger der Stadt hatten die Nase voll und haben alles kurz und klein gehauen. Deswegen wurde Basel dann ja auch mit der gefürchteten Reichsacht belegt, das war natürlich eine aussenpolitische Katastrophe. Aber eben, es ist meine Aufgabe, den Menschen rücksichtslos einen Spiegel vorzuhalten, auch wenn es weh tut. Dieses Spiegelbild kann, ja darf nicht immer schön sein! So ist nun Mal meine Natur, ich kann halt spotten nur. Das ist in meine Gene eingeschrieben. Mein Cousin, Till Ulenspiegel, hat in Flandern und Deutschland dieselbe Aufgabe erfüllt, die ich für Basel ausführe».

barfi.ch: Aber die Basler Fasnacht ist doch eine eher gehobene Angelegenheit, mit tausend ungeschriebenen Gesetzen und einem feinen Humor...

Frau Fasnacht: «Ach kommen Sie, das ist doch eine ganz und gar neue Geschichte, für jemanden in meinem Alter sowieso  – und selbst heute sieht lediglich der Zuckerguss über der ganzen Angelegenheit so seidenglatt und vornehm aus. Gehen Sie im tiefsten Bauch der spätesten Nacht an die Rheingasse, Ochsengasse, Utengasse, gehen Sie genau in die richtige falsche Beiz. Da wird die Sau rausgelassen, ganz wie in den alten Zeiten...(schmunzelt)»

barfi.ch: Gefällt Ihnen das etwa?

Frau Fasnacht: «Jetzt tun Sie nicht so verklemmt. Auch die kaputtesten Fasnachtskreaturen sind meine Kinder. Die drey scheenschte Dääg müssen lebendig sein und bleiben. Ich könnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als eine Fasnacht, die nur von lexikalischen Ruedi-Suter-Baseldytsch geprägt, nur von lupenrein konzertantem Pfeifen und Trommeln durchzogen, nur von heeeeerlig scheenen Goschdyym-Figuren, jenen mit Rüschchen und Pfauenfedern, bevölkert ist. Das Schräge, das Grobe, das Seltsame gehören einfach dazu...»

barfi.ch: Sie begrüssen es also nicht, dass immer besser gepfiffen und getrommelt wird, dass unser Marschrepertoire stetig wächst?

Frau Fasnacht: «Doch natürlich. Das muss so sein. Aber ich liebe auch die Schränzerinnen und Schränzer, schliesslich wurde die Guggemuusig in Basel erfunden, damals im Jahr 1906 – und nicht etwa in der Zentralschweiz, die haben es uns nur nachgemacht. In den 1910-er Jahren waren die Gugge ja sogar am Morgestraich präsent. Ebenso liebe ich das armseligste Schyssdräggzygli, das nur vier Märsche zu bieten hat, die gottsjämmerlich ausgeführt werden. Noch im Jahr 1914 bestand das Repertoire der Stammcliquen gerade mal aus zwölf Märschen – und das hat der Stimmung keinerlei Abbruch getan; ganz im Gegenteil. Ich halte meinen Schirm über jeden Wagen-Waggis, über den erbärmlichsten wilden Schnitzelbänggler, über die traurigste Einzelmaske. Denn sie sind alle kleine Zahnräder, ohne die jenes mächtige, farbige, unberechenbare Gebilde, das da Fasnacht heissen darf, niemals in Gang kommen würde. Und ganz sicher jagt es mir einen kalten Schauer über den Rücken, wenn eine Meute Trommelhunde so richtig durch die Gassen rötzt – oder ein gepflegter Pfyfferharst jubiliert, tiriliert, wie die Vögel im Frühling».

barfi.ch: Gibt es Elemente, die aus dem Kanon der Fasnacht verschwunden sind, die Sie vermissen?

Frau Fasnacht: «Alles hatte seinen Reiz, zu seiner Zeit. Doch ich bin keine, die häufig zurückschaut, vielmehr bin ich auf die Fasnacht der Zukunft gespannt. Auch die Ereignisse von früher waren auf ihre Art schön. Die russgeschwärzten Gesichter und Nachthemmli, mit denen die Rueche einst zu später Stunde durch Basel tobten und ihre groben Spässchen trieben. Die Mandolinenorchester mit den Halblärvli, die vor dem Zweiten Weltkrieg am Cortège teilgenommen haben. Der Prinz Carneval, der den Baslern des 19. Jahrhunderts von seinem hohen Wagen aus zugewinkt hat. Die uniformierten Tambouren der Zünfte und Ehrengesellschaften, die an der alten Fasnacht ohne Larven aufmarschiert sind...»

barfi.ch: Empfinden Sie denn nie so etwas wie Nostalgie?

Frau Fasnacht: «Ach, manchmal, unter dem Jahr, wenn ich im Nimmer-Nimmer-Land weile, träume ich von den rauschenden Maskenbällen des Quodilbet, etwa jenem prächtigen Fasnachtsball von 1861, mit all den geheimen Liebschaften, den verstohlenen Küssen, den Droschken vor dem Stadtcasino. Auch finde ich es ein bisschen traurig, dass es in den Aussenquartieren keine Fasnacht mehr gibt, früher sind die Züge durchs Gundeli gelaufen, sind die Cliquen vor dem Fröschenbollwerk, vor dem Spalencasino eingestanden, durch das St. Johanns-Tor marschiert. Heute komme ich halt nicht mehr aus dem Kessel der Innerstadt hinaus. Zudem finde ich es e weeneli schaad, dass die hohe Kunst des Intrigierens ausgestorben ist. Aber das funktioniert halt nicht mehr, seit Basel so enorm gewachsen ist, das geht nur, wenn alle einander kennen. Aber wie gesagt, solange es Menschen gibt, gibt es auch mich – und ich bin schon gespannt darauf, welche Röcke ich in 20, 50, hundert Jahren tragen werde. Es gibt schon einige Erinnerungen, die mir ein Nostalgietränchen in die Augen treiben, wenn ich an die erste Fasnacht nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn ich an dr Märtplatz-Waggis, wenn ich ans Anggebliemli, wenn ich an d Kuttlebutzer denke».

barfi.ch: Wie halten Sie es eigentlich mit der Vorfasnacht?

Frau Fasnacht: «Ich habe davon gehört, war aber noch nie dabei. Ich bin jeweils vom Morgestraich bis zum Ändstraich in Basel. Das muss reichen.»

barfi.ch: Frau Fasnacht, sind sie eigentlich verheiratet? Gibt es auch einen Herrn Fasnacht?

Frau Fasnacht: «Ich bin Polygamistin. Jeder wackere Bursche oder Herr, der unermüdlich mit seinem Gosdym durch die Strassen zieht, die 72 Stunden ehrt, in denen ich die Stadt beherrsche, ist mein Ehemann. Genauso wie ich jede Frau, die eine angefressene Fasnächtlerin ist, meine Schwester heisse. – Wie wär’s denn mit uns zwei?»

barfi.ch: Hrrmpf. Aber was machen Sie denn selber genau, zwischen Morgestraich und Ändstraich?

Frau Fasnacht: «Ich spinne meine Netze, bin permanent in der Stadt unterwegs, in den Strassen und Gassen. Inkognito. Mein Lieblings-Goschdyym ist heutzutage die Alti Dante, wobei ich diese am Zyschtig durch eine satte Grytte austausche. Dabei habe ich nur ein Motto: Gäll, de kennsch my nit».   

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