©UPK Basel
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  • Kenneth Steiner
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UPK-Psychologe: «Bei Sucht geht es häufig um innere Verletzlichkeiten»

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt die Sucht nach Videospielen in ihren Katalog von psychischen Krankheiten auf. Aus diesem Anlass traf sich barfi.ch mit Renato Poespodihardjo, dem leitenden Psychologen für Verhaltenssüchte der Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK, auf ein Gespräch über den Anstieg an Suchterkrankungen, Suchtprävention und den Heilungschancen.

barfi.ch: Die Diagnose «Gaming Disorder» wird bei Menschen gestellt, deren Leben durch die Videospiel-Sucht nachhaltig verändert wird und nicht damit aufhören können. Welche anderen Verhaltenssüchte sind sonst bekannt?

Renato Poespodihardjo, leitender Psychologe für Verhaltenssüchte der UPK: Eine der ältesten und bekanntesten Verhaltenssüchte ist die Glücksspielsucht. Ausserdem die Kaufsucht. Sie ist die Verhaltenssucht mit den höchsten Prävalenzzahlen, sprich mit den höchsten Zahlen in Sachen Betroffenheit. Weltweit liegt der Wert bei schizophrenen Erkrankungen bei ungefähr 1%, Heroinabhängigkeit liegt bei ungefähr 1.5%, Tabak liegt bei ca. 28%, Alkoholerkrankungen im Durchschnitt bei 15% und die Kaufsucht bei 3 bis 5%. Wenn man sich diese Zahlen im Vergleich anschaut dann sieht man, dass die Verhaltenssucht, die im Vergleich zu anderen Süchten weniger bekannt ist, doch viele Betroffene hat.

Der Tagesanzeiger schrieb am 14. Februar, dass Schweizer Suchtberater wegen Online-Glücksspiel am Anschlag sind. Können Sie das bestätigen?

Das ist meiner Meinung nach ein bisschen übertrieben und muss etwas differenzierter angeschaut werden. 0.8% bis 1.5% der Schweizer Bevölkerung ist Glücksspielsüchtig. Das sind ungefähr 37'000 Personen. Von denen sind aber nur maximal 20 bis 25 Prozent in Behandlung. Das heisst, wenn sich durch Sensibilisierungskampagnen mehr Menschen bei den Beratungsstellen melden, heisst das nicht automatisch, dass auch die Anzahl an Erkrankungen gestiegen ist, sondern nur die Zahl der Menschen die sich in Behandlung befinden. Insbesondere Fachzentren, wie wir hier bei den UPK, die darauf spezialisiert sind im störungsspezifischen Behandlungsbereich zu arbeiten, haben einen deutlich höheren Zulauf.

Suchterkrankungen sind meist mit vielen Vorurteilen behaftet. Suchtkranke gelten als willensschwach. Stimmt das?

Ich denke das ist ein ganz sensibler Bereich. Das betrifft nicht nur die Suchterkrankungen, sondern da haben wir in der Gesellschaft ein grosses Problem im Bereich der psychischen Erkrankungen im Allgemeinen. Ich meine die sogenannte Stigmatisierung. Psychisch kranke Menschen werden häufig anders betrachtet und bewertet, als Menschen mit einer anderen Erkrankung. In der Gesellschaft bestehen sehr viele Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen.

Um ein Beispiel zu nennen: Hier gleich um die Ecke gibt es eine Bushaltestelle. Mit den UPK hat Basel eine sehr renommierte und grosse Universitäre Psychiatrische Klinik, wovon es in der Schweiz nur ganz wenige gibt. Es existiert aber keine Bushaltestelle mit dem Namen «UPK». Ich denke das wäre durchaus notwendig, gibt es doch auch eine Bushaltestelle «Unispital» oder das «Kinderspital» usw. Wir könnten natürlich grosszügig darüber hinwegsehen, aber im «Kleinen» unbedeutendem, zeigt sich häufig ein Stück gelebte Realität.

Noch im 19. Jahrhundert wurde im Zusammenhang mit Sucherkrankungen auch in Lehrbücher von einer Charaktererkrankung gesprochen. Heute wissen wir natürlich, dass eine Suchterkrankung nichts mit einer Charakterschwäche zu tun hat. 

Sondern?

Viele Faktoren spielen eine Rolle. Grob gesagt gibt es drei: Zum einen ist es das Produkt an sich. Gäbe es keine Zigaretten, könnte man auch nicht nikotin- und tabakabhängig werden. Würden Zigaretten nicht so vermarktet werden, hätten wir ein deutlich geringeres Problem. Das heisst, dass die Art und Weise der Produktepräsentation zu einem bestimmten Kaufverhalten führen kann.

Zudem gibt es die sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen die bestimmte Substanzen fördern oder auch nicht. Im Gegensatz zur westlichen Kultur ist das Glücksspiel in islamisch geprägten Kulturen beispielsweise eine Sünde. Es ist ein ganz anderer kultureller Kontext. Und da in einigen arabischen Ländern nicht gezockt werden darf, ist auch die Prävalenz in diesen Ländern deutlich geringer.

Die intrapsychopersonellen Bedingungen sind der dritte Faktor. Aufgrund von inneren Schmerzen oder, dass sich Menschen innerlich unzulänglich fühlen, wollen sie sich ablenken oder betäuben. Und wenn all diese Faktoren zusammenkommen hat man eine höhere Verletzlichkeit um eine Suchterkrankung zu erwerben. Das Ganze hat also mit Charakterschwäche bzw. Willensschwäche nichts zu tun.

Was unterscheidet Verhaltenssüchte wie Video-, Internet-, Kauf- oder Glücksspielsucht von einer Alkohol- oder Drogensucht?

Die einfachste Unterscheidung ist, dass wir einmal eine substanzungebundene Sucht haben und eine substanzgebundene. Bei Alkohol-, wie auch bei Amphetamin- und Glückspielsüchtigen, können wir ähnliche Veränderungen beobachten.

Das heisst also, wenn ich einen Glückspielsüchtigen in bestimmten Hirnbereichen (Belohnungssystem) untersuche, reagiert er ähnlich wie ein alkoholkranker Mensch. Zeigt man einem Glücksspielsüchtigen und einem Alkoholkranken einen grünen Schal reagieren beide nicht. Zeigt man ihnen ein Bierglas wird der Alkoholkranke reagieren und der Glückspielsüchtige nicht. Legt man ihnen jedoch einen Spieljeton vor wird nur der Glückspielsüchtige reagieren. Die Reaktion im Gehirn zeigt sich bei beiden an genau der gleichen Stelle. Es sind also ganz bestimmte Verhaltensweisen oder Objekte die bei Süchtigen einen Reiz auslösen. Extensiver Pornokonsum beispielsweise oder süchtiges Kaufverhalten von etwas bestimmtem kann einen «Kick» auslösen.  

Ein auffallender Unterschied zwischen einer Verhaltenssucht und einer Sucht nach einer bestimmten Substanz ist die körperliche Belastung. Die Substanzen erwirken in der Regel eine Vergiftung des Körpers, ganz im Gegensatz zu Verhaltenssüchten, wo man zwar viele soziale und finanzielle Schäden hat, aber keine Leberschäden z.B. und keine Einbussen im kognitiven Funktionsbereich.

Wie Sie bereits gesagt haben, ist es schwierig zu sagen ob die Anzahl an Verhaltenssüchtigen bei Internet- oder Videospielsüchtigen gestiegen ist.

Es ist schwer zu messen. Es ist natürlich einfacher zu messen wieviel Personen in eine Behandlung kommen. Um das herauszufinden kann man ganz einfach bei verschiedenen Suchtstellen anrufen. Aber wo beginnt eine Therapie? Wenn sie bei einer Beratungsstelle anrufen und diese sagen ihnen, dass jeder Telefonkontakt bereits eine Therapie ist, ist es gut möglich, dass eine andere erst dann von einer Therapie spricht, wenn jemand zehn Sitzungen besucht hat. Deswegen gibt es in diesem Bereich eine grosse Unschärfe.  

Also kann man nicht klar sagen, dass die Anzahl an Videospielsüchtigen oder Internetsüchtigen klar angestiegen ist?

Das würde ich so nicht sagen. Es ist für mich persönlich nicht entscheidend, ob die Zahl der Süchtigen um einige Promille steigt oder sich verringert. Wir sehen uns damit konfrontiert, dass viele Menschen, wir sprechen hier mindestens von 70 Prozent, nicht in Behandlung gehen, die behandelt werden müssten. Denn der Erfolg einer Behandlung bei einer Verhaltenssucht wäre relativ gross. Und man weiss auch, dass auf einen Süchtigen noch fünf bis zehn andere Betroffene, zum Beispiel auch Familienangehörige dazugehören. Die grosse Herausforderung ist, die Süchtigen in eine fachgerechte Behandlung zu bringen. Wir vermuten, dass die Zahl der Süchtigen angewachsen ist. 

Ab wann ist eine Person süchtig?

Sie können sich vorstellen, dass sich darüber viele Menschen seit vielen Jahrzehnten viele Gedanken machen. Am besten lässt sich eine Sucht am Kontrollverlust bewerten, bzw. an der gedanklichen Vereinnahmung. Die Sucht beschäftigt die Gedanken des Süchtigen so sehr, dass es zu einer grossen Belastung wird. Dazu kommt eine Steigerung der Toleranz. Es reicht nicht mehr aus nur ein Paar Schuhe zu kaufen, es müssen fünf sein.

Ein anderer zentraler Punkt betrifft wiederholendes Verhalten, wobei der Süchtige weiss, dass dieses Verhalten sein Leben beschädigt, auch das Leben seiner Mitmenschen und massivste negative Konsequenzen hervorrufen kann. Wenn er diese Konsequenzen nicht will, weil das Verhalten gravierend und schmerzhaft ist und er sein Verhalten trotzdem immer wieder wiederholt, dann sprechen wir von einer Sucht.

Bei der Alkoholsucht wird schon lange das Medikament Antabus verwendet. Helfen Medikamente auch bei Verhaltenssüchten?

Es gibt medikamentöse Begleitbehandlungen, aber es gibt keine alleinige medikamentöse Behandlung irgendeiner Suchterkrankung. Es können bestimmte Aspekte einer Sucht durch ein Medikament reduziert werden, beispielsweise das Verlangen, auch «craving» genannt. Aber man kann keine Suchterkrankung rein mit Medikamenten umfassend therapieren.

Die wirkungsvollste Behandlungsintervention ist eine «Störungsspezifische Psychotherapie», zum Teil auch in Kombination mit einem Medikament. Wir haben Medikamente die bestimme Aspekte einer Sucht reduzieren können, Naltrexon ist zum Beispiel ein solches Medikament, welches zu einer Verringerung des Spieldrangs beitragen kann. 

Ist ein Internetsüchtiger auch mehr gefährdet eine andere Sucht zu entwickeln als ein Nichtsüchtiger?

Das kann man pauschal so nicht sagen. Bei einer Sucht geht es häufig um innere Verletzlichkeiten. Innere Verletzlichkeit oder seelische Schmerzen, die z.B. durch Migration, traumatisierende Lebenserfahrungen oder Einsamkeit entstehen können. Süchtiges Verhalten kann aber auch in Rahmen einem sogenannten „Modelllernen“ (Peers und Eltern) erworben werden. Es ist aber auch richtig, dass je länger eine psychische Erkrankung besteht, desto wahrscheinlicher es ist, zusätzlich eine andere, auch psychische, Erkrankung zu bekommen. Nur selten leiden Personen mit einer chronischen psychischen Erkrankung nur an dieser einen psychischen Erkrankung.

Rückfälle gehören zur Suchterkrankung dazu. Bleibt man demzufolge ein Leben lang süchtig oder ist eine vollständige "Heilung" möglich?

Das Wort «rückfallen» ist eng mit der Stigmatisierung verbunden. Daher rede ich vom «Rückfall» und von einem «Vorfall». Ich spreche von Rückfall, wenn ein Patient in Behandlung ist und wieder zu konsumieren beginnt, z.B. Glücksspiel. Wenn er an einen Punkt kommt, wo er sagt, dass er weiter spielen möchte und keine Therapie mehr benötigt und sich der Patient wieder zu verschulden beginnt. Das heisst der Patient begibt sich wieder ins Stadium des besinnungslosen Konsumverhaltens, was sehr selten passiert.

Viel häufiger passiert es, dass der Patient konsumiert und dann merkt, dass er einen Fehler gemacht hat und sofort wieder in die Therapie einsteigt.

Heilung impliziert immer die Vorstellung so zu sein wie man früher war, jedoch verändert jede Krankheit den Menschen. Die Behandlung einer psychischen Erkrankung geht mit so vielen Prozessen einher, die ganz neue Perspektiven und auch Bereicherungen mit sich bringen. Am Ende einer Behandlung ist der Patient nicht mehr der, der er vorher war. Darum möchte ich nicht von Heilung sprechen. Der Begriff bedeutet für mich Stillstand.

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