(Bild: Keystone/Gaetan Bally)
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Armeeapotheke hilft wegen Engpässen bei Impfstoffen

Spitäler und Ärzte kämpfen mit zunehmenden Versorgungsengpässe bei Impfstoffen. Laut dem Bundesamt für Gesundheit ist Knappheit der neue Normalzustand. Dies gilt auch für Basisimpfstoffe, die im Impfplan vorgesehen sind. Nun kommt die Armeeapotheke zum Einsatz.

Zwei Dutzend Impfstoffe und Medikamente, die nicht verfügbar sind, weist das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) derzeit aus. Seit Anfang Jahr kamen 15 dazu - vor allem Impfstoffe und Antibiotika. Die Liste ändert sich von Tag zu Tag. Dank grossem Einsatz und Sonderbewilligungen können die Spitäler die Impfpläne derzeit gewährleisten. Allerdings erwarten die Hersteller bei wichtigen Impfstoffen gegen Kinderlähmung (Polio), Diphtherie, Tetanus mit Ausfällen bis Ende 2018.

Ob alle vorgesehenen Impfungen für Neugeborene und Kinder auch die nächsten Monate möglich sind, wollen die Hersteller nicht garantieren. Mit enormem Aufwand versuchen Spitäler und Impfzentren die Stoffe im Ausland einzukaufen. Das Berner Inselspital etwa beschafft sich Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung mit Sonderbewilligungen von Swissmedic aus Deutschland, wie die Sprecherin des Inselspitals Bern, Monika Kugemann, der sda sagt.

Nicht nur in der Schweiz, sondern international sehr knapp sind gemäss dem britischen Haupthersteller GlaxoSmithKline (GSK) Polio-Antigene. Der weltweite Bedarf an Polio-Antigenen sei schneller gewachsen als die notwendigen Produktionsanlagen, sagt der Sprecher von GSK-Schweiz, Urs Kientsch. Die Antigen-Produktion sei sehr komplex und es gebe immer weniger Hersteller und Ausweichmöglichkeiten. GSK arbeitet seit mehr als fünf Jahren an einem Ausbau der Produktionsanlagen in Belgien. "Die verfügbaren Antigene setzt GSK für die Impfstoffe zur Grundimmunisierung ein - diese ist derzeit gewährleistet", führt Kientsch aus.

Impfstoffherstellung nicht rentabel

Zu den Gründen für die Beschaffungsschwierigkeiten zählt Kientsch den Kostendruck: Die Hersteller hätten die Wirkstoffproduktion für patentabgelaufene Medikamente oft eingestellt und kauften die Wirkstoffe auf dem weltweiten Markt ein. Die neuen Hersteller dieser Wirkstoffe befänden sich zumeist in Ländern wie Indien oder China und könnten die Wirkstoffe nicht immer in der geforderten Qualität liefern.

Armeeapotheke soll Einkäufe leiten

Beim Bundesamt für Gesundheit betont der Leiter der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen, Mark Witschi, die im Impfplan vorgesehenen Kinderimpfungen seien derzeit in der ganzen Schweiz gewährleistet. "Wo ein Impfstoff fehle, kann der Arzt auf einen anderen ausweichen, mit anderen Einzelstoffen." Allerdings sei die Situation bei den Polioimpfstoffen problematisch, weil ein Mono-Impfstoff fehle. Immerhin könne man jederzeit einen Polioimpfstoff kombiniert mit anderen Wirkstoffen, die man vielleicht nicht braucht, erhalten. Für die Tollwutimpfung dagegen hatten diverse Impfstellen letzten Monat keine Alternativen.

Witschis Fazit: "Leider werden Engpässe und die Situation, dass Angebot und Nachfrage vermehrt auseinanderklaffen, zur Normalität." Für Impfstoffe bestehen erst seit letztem Herbst Pflichtlager. Diese werden von Firmen aufgebaut. Da noch keine Überschüsse erzielt wurden, sind die Lager nicht gefüllt. Witschi erwartet das in den nächsten Jahren. "Als Massnahme gegen die Engpässe ist das BAG daran, die Leitung der Einkäufe mit Sonderbewilligungen der Armeeapotheke zu übertragen." Allerdings sei derzeit noch nicht entscheiden, wer die Risiken trage, falls Impfstoffe nicht genutzt würden.

Auch in Basel und Zürich fehlt es an Mono-Impfstoffen gegen Kinderlähmung, es gebe nur eine kleine Reserve. Das sagt Christoph Hatz, Chefarzt des Schweizerischen Tropeninstituts in Basel und Berater des Reisemedizinzentrums der Universität Zürich. Den Grund für die Engpässe sieht Hatz unter anderen darin, dass die Anforderungen an die Zulassung von Impfstoffen in den letzten Jahren stark gestiegen seien. "Wenn ein Impfstoff-Lot wegen einer zusätzlichen Kontrolle nicht wie geplant freigegeben werden kann, führt dies sofort zu einer Knappheit."

Laut Hatz ist es unglücklich, dass sich immer weniger Firmen im Impfstoffbusiness beteiligen - vermutlich weil es weniger lukrativ ist als gewisse Medikamentensparten. Heute bedienten vor allem zwei Firmen den Markt. Früher mit bis zu zehn aktiven Firmen sei es einfacher gewesen, eine Impfstoffknappheit eines Herstellers durch andere Anbieter zu kompensieren.

Die marktbeherrschenden Firmen in der Schweiz sind GSK und die französische Sanofi. Novartis hatte ihre Impfsparte vor zwei Jahren an GSK verkauft.