Symbolbild: Psychiatriezentrum Rheinau
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Geschlossene Psychiatrie bietet weniger Vorteile als gedacht

Akut Suizidgefährdete werden oft in geschlossenen Stationen untergebracht - um sie besser vor sich selbst zu schützen, so das Argument. Eine Basler Studie zeigt nun allerdings, dass in ausschliesslich offen geführten psychiatrischen Kliniken nicht mehr Patienten Suizid begehen.

Nur auf geschlossenen Stationen könne man Risikopatienten vor der Flucht und von Suizidversuchen abhalten und angemessen behandeln, lautet das Argument für Abteilungen, deren Türen sich nur durch das Fachpersonal öffnen lassen. Dass geschlossene Stationen selbstgefährdendes Verhalten verhindern, sei jedoch nicht erwiesen, schrieb die Universität Basel am Donnerstag in einer Mitteilung.

Ein Forscherteam um Christian Huber und Undine Lang von der Universität und den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel hat für eine Studie fast 350'000 Fälle in 21 deutschen Kliniken zwischen 1998 und 2012 ausgewertet. Fünf der Kliniken führten ausschliesslich offene Stationen, die anderen 16 führten neben den offenen auch zeitweise oder dauerhaft geschlossene.

Nicht mehr Suizid oder Flucht

Das Ergebnis: In den Kliniken mit ausschliesslich offenen Abteilungen kam es nicht häufiger zu Suiziden oder Suizidversuchen als in denen mit geschlossenen Stationen, wie die Forschenden im Fachjournal "The Lancet Psychiatry" berichten. Ausserdem verzeichneten die rein offen geführten Kliniken nicht mehr Fälle, bei denen Patienten flohen.

"Die Wirkung von geschlossenen Kliniktüren wird überschätzt", liess sich Huber in der Mitteilung zitieren. Das Einschliessen verbessere gemäss der Befunde die Sicherheit der Patienten nicht. Teilweise sogar im Gegenteil: "Eine Atmosphäre von Kontrolle, eingeschränkten persönlichen Freiheiten und Zwangsmassnahmen ist eher ein Risikofaktor für eine erfolgreiche Therapie."

Dass akut Suizidgefährdete einfach in Kliniken umverteilt wurden, die noch geschlossene Stationen besassen, konnten die Forschenden ausschliessen, erklärte Studienleiterin Undine Lang auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. "Die Kliniken sind für ein bestimmtes Gebiet zuständig und sind rechtlich verpflichtet, die Patienten aufzunehmen, unabhängig von der Schwere ihrer Erkrankung."

Offene Türen sind finanzielle Frage

Suizid käme bei Patienten in der Behandlung relativ selten vor - etwa bei einem von 1000, so Lang. Zum Beispiel bei Patienten, die die Station mit Erlaubnis des Fachpersonals für eine kurze Zeit verliessen und bei denen sich das akute Suizidvorhaben nicht absehen liesse. Geschlossene Stationen stellen somit keine Garantie dar, alle Suizide verhindern zu können.

Die Sicherheit der Patienten auch auf offenen Stationen zu gewährleisten, hat allerdings seinen Preis: Da Risikopatienten enger betreut werden müssen, muss das Personal teils speziell geschult werden und es braucht beispielsweise mehr Nachtwachen. Die Entscheidung für offene oder geschlossene Türen bleibt somit letztlich eine finanzielle Frage für psychiatrische Kliniken.