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Migros-Einstieg erhöht den Pulsschlag im Schweizer Apothekenmarkt

Der Schweizer Medikamentenmarkt ist in Bewegung: Online-Bestellungen nehmen zu und der Einkaufstourismus hält an. Zusätzlich sorgt neben dem Börsengang von Galenica Santé vor allem der bevorstehende Migros-Einstieg für einen schnelleren Puls bei den Apothekern.

Der Grossverteiler stellt diesen Sommer erstmals der Onlineapotheke und Ärztegrossistin Zur Rose Filialflächen für eine Apotheke in Bern zur Verfügung. Verläuft der Test erfolgreich, sollen weitere Apotheken eröffnet werden. Von Marktbeobachtern wird das Potenzial auf etwa 50 Geschäfte schweizweit geschätzt.

Am Rande der Bilanzmedienkonferenz vor zehn Tagen wollte Migros-Chef Herbert Bolliger allerdings gegenüber der Nachrichtenagentur sda diese Zahl nicht bestätigen. Man wisse noch nicht, wie hoch die Kundenakzeptanz sein werde, sagte er.

Zur Rose erhitzt Gemüter

"Mit gewissen Vorbehalten" hat der Apothekerverband die Ankündigung zur Kenntnis genommen. "Eine Tiefpreispraxis in Apotheken darf nicht auf Kosten der Sicherheit der Patienten durchgezwängt werden", sagt Fabian Vaucher, Apotheker und Präsident von PharmaSuisse, auf Anfrage.

Gerade Zur Rose habe sich in der Vergangenheit wiederholt "unlauterer Methoden bedient, wie verschiedene Gerichte feststellen mussten". Eine allfällige Quersubventionierung der Apotheken durch die Migros würde zudem klar gegen wettbewerbsrechtliche Vorgaben verstossen.

Die neue "Allianz" dürfte tatsächlich weiter für Preisdruck in der Branche sorgen. Laut Migros-Angaben werden beim Projekt für das gesamte Sortiment dieselben Konditionen wie in der Versandapotheke gelten. Diese Preise sind im Durchschnitt 12 Prozent günstiger als der marktübliche Preis.

Bolliger begründete die Wahl von Zur Rose damit, dass man in der Vergangenheit bereits mit den Ostschweizern zusammengearbeitet habe. Ausserdem sei Zur Rose im Versandbereich stärker als Galenica. Das gemeinsame Projekt von Migros Aare und Zur Rose von 2006 mit einem Abholservice für rezeptpflichtige Medikamente in Migros-Filialen stiess jedoch auf wenig Interesse bei Kunden und wurde eingestellt.

Für Zur Rose dürfte die angekündigte Zusammenarbeit mit Migros auf jeden Fall interessant sein. Die Versandapotheke setzt aktuell stärker auf Apotheken vor Ort, nachdem das Bundesgericht 2015 Zur Rose verboten hatte, in der Schweiz rezeptfreie Medikamente Online zu verkaufen. Im August 2016 eröffnete Zur Rose in Bern ihren ersten Flagshipstore, in dem unter anderem online bestellte Medikamente abgeholt werden können.

Online liegt im Trend

Der Aufbau des stationären Handels erscheint angesichts des Online-Trends als ein Anachronismus. Laut Angaben von Vaucher ist das Internet im Vormarsch. Kunden informierten sich dort, aber die Fachmeinung in den Apotheken sei nach wie vor gefragt. In Gesundheitsfragen spare man Online - wenn überhaupt - am falschen Platz.

Der Online-Handel sei mengen- und gewinnorientiert, warnt Vaucher. Preissenkungsrunden hätten die Kostenstruktur im Versandhandel unter Druck gesetzt. Das begünstige die Tendenz, Bestellungen an unnötig grosse Mengen zu koppeln.

Steinzeitlich muten die Online-Vorteile an, die die Galenica-Apotheken Sun Store, Coop Vitality und Amavita ihren Kunden seit Kurzem bieten. Um Wartezeiten beim Abholen von Medikamenten zu verkürzen, können diese ihre Rezepte scannen, auf eine Plattform hochladen und elektronisch an eine Apotheke senden. Die Apotheke bereitet dann das Rezept zum Abholen vor.

Zankapfel Selbstdispension

Als Stachel im Fleisch der Apotheker steckt zudem immer noch die Medikamentenabgabe durch die Ärzte. Laut PharmaSuisse zerstört sie das Apothekennetz. Da viele Arztpraxen zudem aufgrund des Hausärztemangels ihre Nachfolge nicht regeln könnten, werde sowohl die medizinische als auch die pharmazeutische Versorgung gefährdet, glaubt Vaucher.

Zahlreiche Gesundheitsprobleme lassen sich nach Ansicht des Apothekerverbandes ausserdem direkt, ohne einen Arztbesuch, in der Apotheke abklären und mit rezeptfreien Medikamenten behandeln. Apotheker trügen so dazu bei, die Kosten in der Grundversicherung zu bremsen.