Radek Skoda. Bild: basile-bornand.com
Radek Skoda. Bild: basile-bornand.com
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Personalisierte Medizin: Gleiche Krankheit heisst nicht automatisch gleiche Behandlung

Der Begriff «Personalisierte Medizin» steht immer mehr im Fokus. Grund dafür ist eine lawinenartige Zunahme medizinischer Daten und die daraus resultierende Möglichkeit, sie für Fortschritte in der Medizin nutzbar zu machen. Sowohl Ärzte wie Patienten erhoffen sich viel von dieser rasch wachsenden Entwicklung. Unterstützung kommt u.a. vom Bund. Ein Exklusiv-Gespräch mit Professor Radek Skoda, Leiter des Departements Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel.

Barfi.ch: Personalisierte Medizin ist einer der wichtigsten Trends in der modernen Medizin. Doch was ist konkret darunter zu verstehen? 

Prof. Radek Skoda: Die Erkenntnisse der Medizin werden durch biomedizinische Grundlagenforschung und klinische Studien mit Patienten gewonnen. Die daraus resultierenden Daten erlauben Voraussagen, wie Gruppen von Patienten z.B. auf eine Therapie reagieren werden oder welche Prognose sie habe. Die Voraussagen beruhen also meist auf Durchschnittswerten und Wahrscheinlichkeiten. Diese sind aber für ein einzelnes Individuum nicht immer massgebend. Die meisten Patienten wollen wissen, wie sie selber reagieren werden und nicht wie der Durchschnitt einer Patientengruppe auf eine Behandlung anspricht. 

Die Individualisierung von Diagnose, Prognose und Therapie wird in der Medizin bereits seit Jahrzehnten angestrebt und wird punktuell auch angewendet. Zum Beispiel wählt man bei einem Mann mit 100 Kilogramm eine andere Dosierung eines Medikamentes, als bei einer Frau, die 50 Kilo wiegt, oder gar einem Kind. Unter personalisierter Medizin versteht man heute die systematische Anwendung und Auswertung grosser Datenmengen, mit dem Ziel, eine für das Individuum zutreffende Voraussage machen zu können und die für den individuellen Patienten optimale Therapie auszuwählen.

Personalisierte Verabreichung von Medikamenten betrifft aber nicht einfach die gängige Kopfschmerztablette? 

Nein, es ist natürlich stark abhängig vom Medikament. Bei einem Arzneimittel mit einem geringen Risikoprofil ist die individualisierte Dosierung weniger kritisch, aber z.B. bei einer Krebs-Chemotherapie sieht es ganz anders aus, diese muss sehr genau berechnet werden. 

Daten über genetische Prädisposition stehen bei der personalisierten Medizin oft im Zentrum. Sind damit Daten über Erkrankungen in der Familie gemeint?

Zum einen sind Faktoren von Interesse, die wir von unseren Eltern geerbt haben. Zum anderen weiss man, dass bei bestimmten Krankheiten zusätzliche genetische Veränderungen im Gewebe neu auftreten – z.B. bei Krebserkrankungen - die dann von Zelle zu Zelle weiter vererbt werden, aber nicht auf die Kinder der Patienten übertragen werden. Zu den Fortschritten der personalisierten Medizin gehört, dass Therapien zunehmend nicht nur auf der klassischen Diagnose eines Tumors, der Histologie (Gewebelehre) und Laborwerten basieren, sondern auch auf Veränderungen, die nur im Erbgut der Tumoren zu finden sind. 

Solche genetischen Daten fliessen bei der individuellen Behandlung zunehmend in den Entscheidungsprozess ein. 

Bedeutet das konkret auch, dass immer mehr Daten erhoben werden sollen? 

Die personalisierte Medizin versucht heute, die Individualisierung auf eine neue Ebene zu bringen. Dazu nutzen wir die vielen zusätzlichen Daten, die wir im Gegensatz zu früher gewinnen können. Die Genetik zeigt uns aber auch Grenzen auf. Bei einigen Krankheiten können vererbte Faktoren einen starken Einfluss haben, zum Beispiel beim Brustkrebs. Bei anderen Krankheiten spielen die Umwelteinflüsse eine grössere Rolle, zum Beispiel bei einigen Lungenkrankheiten, oder auch nur der Zufall, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wie zum Beispiel bei einem Unfall.

Ausser diesen genetischen Daten, welche anderen Daten werden sonst noch gesammelt? 

Das sind zum Beispiel Daten über Veränderungen, die nicht in den Genen selber verankert sind, sondern quasi auf diese geschrieben werden. Damit ist die sogenannte Epigenetik gemeint. So nennt man das Fachgebiet der Biologie, welches sich mit der Frage befasst, welche Faktoren die Aktivität eines Gens und damit die Entwicklung einer Zelle festlegen. Hier werden auch Umwelteinflüsse wie Schadstoffe in der Luft oder Ernährung auf das Genom der Zelle überschrieben. An der Entschlüsselung dieser Daten wird gerade intensiv geforscht. Daneben werden auch Veränderungen im Stoffwechsel erfasst.

Patientinnen und Patienten glauben sich dank Internet und Google heute zunehmend besser informiert. Ist das eher Segen oder Fluch für Ärzte? 

Ein höherer Informationsstand der Patienten ist à priori etwas sehr Gutes. Gerade bei belastenden Diagnosen wie Krebs suchen Patienten heute oft nicht nur einen Arzt auf, sondern wollen mehr als eine Meinung hören. Sie konsultieren dazu zusätzlich auch das Internet. Allerdings ist es eine Herausforderung, die grosse Menge an Informationen aus dem Internet richtig zu verarbeiten und zu interpretieren. Das verunsichert die Patienten häufig. Im Netz werden nicht nur Informationen, sondern zunehmend auch Tests angeboten. Der Patient schickt z.B. Speichel ein, aus dem DNA gewonnen wird, die dann analysiert wird. Die Interpretation solcher Tests ist aber heute noch sehr schwierig und die Patienten sind damit überfordert.

Welche Erkrankungen stehen im Zentrum der personalisierten Medizin? 

Es umfasst das ganze medizinische Spektrum. Neben Krebs stehen Autoimmunerkrankungen, Infektionskrankheiten und neurologische Erkrankungen im Fokus.

Wo wird personalisierte Medizin künftig angewendet? 

Im Kleinen wurde es immer schon gemacht, aber in der Zwischenzeit sind die erfassten Datenmengen massiv grösser. Deshalb stellt sich nun die Frage nach der sinnvollen Anwendbarkeit der Daten bezogen auf den einzelnen Patienten. Neu ist die systematische Anwendung. Wo wir zuverlässige Aussagen machen können, wird sich erst im Verlauf der Entwicklung zeigen. 

Wird in Zukunft jeder Bürger eine Chipkarte haben, auf welcher alle seine Krankendaten erfasst sind? 

Ihre Frage zielt wohl auf das elektronische Patientendossier ab. Dieses soll die persönlichen Gesundheitsdaten einer Person umfassen, wie z.B. Arztberichte nach dem Austritt aus dem Spital, aber auch Röntgenbilder, Impfausweis und Rezepte für Medikamente. Ein solches Patientendossier würde es z.B. dem aufnehmenden Arzt im Spital erlauben, schnell alle relevanten Informationen aus der Vorgeschichte eines Patienten zu erhalten. Das elektronische Patientendossier soll bereits 2018 eingeführt werden. 

Es gibt auch ein anderes Projekt im Bereich der personalisierten Medizin. Dieses zielt darauf ab, Daten, die in den Spitälern für Diagnosestellung erhoben werden, und Informationen über den Verlauf und das Ansprechen auf Therapien zu sammeln und auszuwerten. Dazu wird die Patientin oder der Patient beim Eintritt ins Spital gefragt, ob er oder sie damit einverstanden ist, dass die während des Spitalaufenthaltes erfassten medizinischen Daten auch für Forschungszwecke verwendet werden dürfen. Dieses Einverständnis ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass 70- 80 Prozent der angefragten Patienten damit einverstanden sind. Die Daten sollen dann in kodierter Form in ein grosses Projekt einfliessen, das vom Bund finanziell unterstützt wird, und schweizweit zu einem Netzwerk zusammengeschlossen ist. Aus dieser grossen Datenmenge erhofft man sich, durch computerunterstützte Auswertung mit Hilfe artifizieller Intelligenz neue Erkenntnisse zu gewinnen, die eine individualisierte Medizin voranbringen. 

Es existieren verschiedene Initiativen im Zusammenhang mit personalisierter Medizin. Um welche handelt es sich dabei?

Solche Initiativen laufen im Moment in verschiedenen Ländern, unter anderem auch in der Schweiz. Das «Swiss Personalized Health Network» (SPHN) hat ein Projekt initiiert, das Forschung auf diesem Gebiet ermöglichen und unterstützen soll. Für dieses Projekt, das unter der Aufsicht der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften steht, hat das eidgenössische Parlament letztes Jahr 68 Millionen Franken bewilligt. Eine erste, vierjährige Phase, an der sich die fünf Schweizer Universitätsspitäler beteiligen, steht im Zeichen der Datensammlung und dem Aufbau der Infrastruktur. Die ersten Mittel sollen noch im Dezember diesen Jahres fliessen. In einer zweiten, ebenfalls vierjährigen Phase sollen dann weitere Spitäler einbezogen und vermehrt auch konkrete Forschungsprojekte gefördert werden. 

Darunter sind auch Projekte, für die sich das Unispital Basel beworben hat. Wann erhalten Sie Bescheid? 

Das Universitätsspital und die Universität Basel sind hier beteiligt und haben sich um einen Teil dieser Gelder beworben. Die Information über die Vergabe der Projektgelder soll bereits in den nächsten Tagen erfolgen. 

Gibt es in Basel noch weitere Projekte? 

Sie sprechen von der gemeinsamen «Life Sciences-Strategie 2018-2021» der Regierungen von Basel-Stadt und Basel-Landschaft und der Handelskammer beider Basel, welche das Ziel verfolgt, die Region Basel als führenden Standort für personalisierte Medizin zu positionieren. Diese ist komplementär zur Personalized Health-Initiative des Bundes zu sehen. Die Massnahmen zielen darauf ab, Initiativen aus dem privaten Sektor, z.B. Spin-Off-Firmen, grösstenteils aus dem IT-Bereich, im Gesundheitssektor zu fördern.

Es sollen drei Vorzeigeprojekte bis 2021 umgesetzt werden: Erstens «Precision Medicine mit Fokus auf Kindermedizin». In der Kindermedizin sehen wir uns noch mehr als bei der Medizin im Erwachsenenalter mit einem Datenmanko konfrontiert. Hier geht es um eine Datensammlung mit dem Ziel, zum Beispiel die Dosierung von Medikamenten bei Kindern zu optimieren.

Das zweite Projekt «Dr. HouseArzt» ist als elektronische Hilfeleistung gedacht. Patienten sollen via eine Webseite, die mittels artifizieller Intelligenz Angaben interpretiert, Entscheidungshilfe erhalten, welche nächsten Schritte sie unternehmen sollen. Dies soll aber nur eine Ergänzung und nicht ein Ersatz des Hausarztes sein. 

Beim dritten Projekt «Digital Health/elektronische Pille» handelt es sich darum, das Monitoring einer Krankheit zu verbessern. Ähnlich wie mit Apple Health oder anderen Hilfen, die es bereits gibt. So eine elektronische Pille könnte für verschiedene Krankheiten massgeschneidert werden.

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Professor Radek Skoda, Facharzt für Innere Medizin, seit 2006 Leiter des Departements Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel. Er forscht über chronische Leukämien.

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