Lynette Yiadom-Boakye, A Culmination, 2016
Lynette Yiadom-Boakye, A Culmination, 2016
  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

Immer den Augen nach: Lynette Yiadom-Boakye in der Kunsthalle

Malerei, dazu noch figurativ, hat man in der Kunsthalle lange nicht mehr gesehen. Eine Londonerin mit ghanaischen Wurzeln bringt sie nun zurück. Und wie.

Lynette Yiadom-Boakye muss sich nicht um das Rampenlicht kümmern, es kommt zu ihr. Sie stellte in Obrists Serpentine Gallery aus, war für den Turner-Preis nominiert und wurde im New Museum gezeigt, die New York Times hat sie interviewt, kurz, die Kunstwelt reisst sich um die 39-jährige Engländerin. Und das mit gutem Grund. Es sind intime Bilder von einer unaufgeregten Postkartenqualität. Leuchtend und lebendig, aber nicht aufgesetzt.  Nahe am Kitsch und doch ernsthafte, gekonnte Malerei. Andererseits: Auf den ersten Blick wirken ihre Arbeiten konservativ. Das klassischste Medium (Malerei) mit einem tradierten Motiv (Menschen, Portraits im Speziellen), Öl auf Leinwand auf weissen Wänden. Gelernt hat die Künstlerin ihr Handwerk im Hogwarts der Malerei, der Royal Academy of Arts in London. Warum also die Aufregung? 

Lynette Yiadom-Boakye, Pander To A Prodigy, 2016

Auf dem Grat der guten Hoffnung

Schon von Weitem ist klar, dass A Passion to a Principle, wie die Ausstellung betitelt ist, eine betörende Ausstrahlung hat. Es liegt sicher an der Malweise, welche eine schwungvolle Leichtigkeit aufweist. Eine dunkel und leicht gedämpft gehaltene Farbpalettet, infiziert mit viel Wärme, spielerisch, aber doch nicht inszeniert, ein bewegter Malgestus, der aber doch nicht grob wirkt, deutliche Formen, die wiederum miteinander verschmelzen und die Gesetze des Räumlichen durcheinander bringen.  Klar, und doch nicht festgefahren. Yiadom-Boakyes Malerei verspricht Dinge, die sie dann doch nicht ganz einhält und genau das macht sie interessant. Es ist eine Gratwanderung, die hier zur Perfektion gebracht wurde.

Lynette Yiadom-Boakye, Installationsansicht A Passion To A Principle, Kunsthalle Basel, 2016, Blick auf (v.l.n.r.) Pressure From A Didact, Witching Hour, Militant Pressures (alle 2016). Foto: Philipp Hänger

Alles nur Einbildung

Die Figuren, in Posen, welche zwischen inszeniert und natürlich schweben, hüten auf den ersten Blick kaum Geheimnisse. Rasch kommt man auf die Idee, es handle sich um eine Auseinandersetzung mit bestimmten Personen, Bekannte der Küstlerin möglicherweise, oder historische Persönlichkeiten. Irgendwas, was die Figuren mit Sinn und einer Geschichte erfüllen würde. Doch Yiadom-Boakye hat die abgebildeten Personen nie getroffen, es gibt sie nicht, ausser auf den Gemälden. Alle stammen aus der Imagination der Künstlerin, sie sind Produkte ihrer Einbildung und so sind sie auch gemalt. Rasch, ohne Skizzen oder Vorzeichnungen, in einem Durchgang. Klappt es nicht beim ersten Mal, bringt die Londonerin keine Korrekturen an, sondern beginnt von vorne. Die gesamte Ausstellung entstand in den vergangenen Monaten, vierundzwanzig Bilder hat sie in kurzer Folge geschaffen. Das geht nur mit einer gehörigen Portion Zuversicht und ohne Zögern. Und diese Unmittelbarkeit überträgt sich auf jene, die sie betrachten.

Da ist diese Freiheit

In der Direktheit liegt auch eine Offenheit, derer man sich kaum verwehren kann. Sind die Figuren ohne Referenz, steht es uns auch frei, sie ohne den Schleier versteckter Bedeutungen anzusehen. Und wann hat man in der zeitgenössische Kunst schon die Möglichkeit, ohne schlechtes Gewissen die Bilder so zu nehmen wie sie sind. Den Figuren nachzufühlen, ihre Gesichter zu studieren, die orange-gelben Flecken, die manchmal durchscheinen, wahrzunehmen und das Zusammenspiel der Bilder in der Ausstellung zu spüren.

Lynette Yiadom-Boakye, Installationsansicht A Passion To A Principle, Kunsthalle Basel, 2016, Blick auf (v.l.n.r.) A Culmination, 2016, und Magenta In The Ravages, 2016. Foto: Philipp Hänger 

Ihre Malerei spielt alles aus, was das älteste Medium bis heute so zeitlos bleiben liess. Auf dem Grat zwischen figurativer Naturdarstellung und schwungvollem Ausdruck gibt es diesen kleinen Bereich, wo alles zusammenfällt. Dort leben diese Gemälde. Ihre Zeitlosigkeit baut und nutzt die Engländerin, die einmal Optikerin werden wollte, schamlos aus. Die Figuren sind nicht in eine Epoche einzuordnen, ebensowenig wie an einen Ort zu verweisen, die Malweise könnte von heute oder von vor hundert Jahren stammen. Eine Frau könnte sie gemalt haben, vielleicht auch nicht. Sie sind einfach.

Die Macht der Bilder, sich selbst zu genügen

Ich weigere mich deshalb, die Ausstellung als «soziales Portrait» zu verstehen, wie es der Pressetext vorschlägt. Ich bezweifle, dass die Gemälde eine solche Last tragen könnten, und die Künstlerin bestätigt dies selbst: Es sind feierliche Bilder von starken Persönlichkeiten, welche alle, die sie anschauen mögen, gleich behandeln. «Als Bilder allerdings sind sie allmächtig», wie Yiadom-Boakye selbst sagt. 

Lynette Yiadom-Boakye, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger 

Die Ausstellung dauert noch bis am 12. Februar 2017.

Morgen Samstag, dem 19. November findet um 15 Uhr zudem ein Gespräch mit Joseph Helfenstein, dem neuen Direktor des Kunstmuseums, Elena Filipovic und der Künstlerin selbst statt.