Besucher vor Weak Signal II (2014). Ausstellungsansicht in der Fondation Beyeler. Bild: barfi.ch
Besucher vor Weak Signal II (2014). Ausstellungsansicht in der Fondation Beyeler. Bild: barfi.ch
  • Jonas Egli
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Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler: Fühlen Sie das Sehen!

Mit Wolfgang Tillmans ist in der Fondation Beyeler über den Sommer der wohl wichtigste Fotograf der Gegenwart zu sehen. Seine Bilder sind einerseits eine Augenweide, andererseits stellen sie unser Sehen auch auf die Probe.

Die Ausstellung Wolfgang Tillmans entstand über drei Jahre in enger Zusammenarbeit zwischen Wolfgang Tillmans und der Kuratorin Theodora Vischer. Zu sehen sind Werke aus dreissig Jahren Schaffen und Tillmans hat die Arbeiten auch eigenhändig in den Galerien platziert. Direktor Sam Keller hat offensichtlich Mühe, das Resultat zu beschreiben: «Erleben sie die Grenzen der Wahrnehmung!» oder «Fühlen Sie die Offenheit, Verwundbarkeit, Zärtlichleit, Schönheit, Wahrheit, Poesie, Trost!» und «Sehen Sie die ganz grossen Themen wie Freiheit, Liebe, Wahrheit!».

Wolfgang Tillmans: Anders (Brighton Arcimboldo), 2005. Bild: Fondation Beyeler; ©Wolfgang Tillmans

Was in den Galerien zu sehen ist, ist zwar tatsächlich wunderschön und faszinierend, wirkt aber gar nicht so dezidiert, klar, lautschreiend. Es ist das gewohnte all-over von Tillmans: Eine Mischung aus bekannten Motiven, banalen Sachfotografien und abstrakten Vexier- oder Wischbildern und allem, was dazwischen liegt ist in unterschiedlichsten Formaten und Kombinationen an den Wänden verteilt. Vieles, auch unter den Motiven, scheint dem Zufall entsprungen zu sein.

Wolfgang Tillmans: Faltenwurf, shiny, 2001. Bild courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Tillmans meint dazu: «Ich will so viel kontrollieren, wie ich kann und wissen, wo ich aufhören muss.» Dies sagt er nicht nur von seinen Bildern, sondern auch über sein Leben: Er lässt die Umstände und Zufälle geschehen und schöpft aus den Möglichkeiten, die ihm zugespielt werden. Dies hat im einerseits den Vorwurf der Beliebigkeit eingebrockt, als er über die Jahre praktisch jedes Genre und Gebiet abgeklappert hat, andererseits sieht man gerade in der Fondation Beyeler, dass daraus durchaus ein kohärentes Werk entstehen kann. 

Wolfgang Tillmans: Night Jam, 2013. Bild: Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Tillmans ist keine Windfahne, aus dem Zufall wählt immer noch er selbst aus und diese Wahl versieht er auch mit einer Haltung. Das deutlichste Beispiel: Im Vorfeld der Abstimmung zum Brexit gestaltete er eine Plakatkampagne. Einer der Leitprüche war: «What is lost is lost forever.» Wenn jemand drei Jahrzehnte lang dem Zufall folgen will, dann wird das ohne eine Haltung nicht gehen. Und wer den entscheidenden Moment nicht erkennt, der hat schon verloren.

Es herrschte Grossandrang, als Kuratorin Vischer mit Wolfgang Tillmans zusammen die Ausstellung erklärte. Bild: barfi.ch

Der 48-jährige Fotograf meint: «Ich glaube, wir können unseren Augen trauen. Wir müssen nur wissen, wie sie funktionieren.» Das ist so leicht gesagt, sind es doch gerade Tillmans Fotografien, die uns immer wieder vor Rätsel stellen. Doch das Sehen ist eben kein Kopiergerät der Wirklichkeit, es besteht aus Überlagerungen, Erinnerung, Vor- ud Nachbildern, Unschärfe und auch Fehler gehören dazu. Das macht er nicht etwa mit digitalen Tricks. «Kein Pixel wurde verschoben!» Mit einer Ausnahme: Das Bild, welches das Poster zur Ausstellung ziert (Gedser, 2014), weist ein ganz krudes Beispiel digitaler Fehlmanipulation auf. Er versucht nicht einmal, den Missgriff zu vertuschen. Tillmans meint dazu lachend: «Ich bin wahrscheinlich der einzige Fotograf, der nicht weiss, wie Photoshop geht.» Alles andere ist echt, auch wenn es nicht so scheint, wie zum Beispiel bei der Serie der Freischwimmer. «Das ist dasselbe wie bei allen anderen Bildern: Ihr glaubt, ihr wisst, wie sie gemacht sind. Aber das stimmt nicht,» sagt der Fotograf.

Wolfgang Tillmans: Greifbar I, 2014. Bild courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Was das heisst, zeigt mir die Kuratorin Theodora Vischer: ««Es gibt keinen Trick! Sie müssen einfach sehen!» Wir drücken uns fast die Nasen am Bild Weak Signal (2014) platt, als es bei mir endlich klick macht: Was von Weitem wie ein schlichtes Muster von schwarzweissen Pixeln aussieht, ist aus der Nähe tatsächlich eine flimmernde Ansammlung von unscharfen Farbrändern. Vischer meint «Man sieht halt schnell, was man schon kennt.» Und genau das will uns Wolfgang Tillmans vorführen, dass man zu vorschnell glaubt, alles schon zu wissen und nur sieht, was bereits im Kopf vorhanden ist.