• Jonas Egli
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Das Echo vo dr Feldbergstroos sorgt für urchige Klänge im Kleinbasel

Sie heissen ÖsiGuggisgratzFräkmüntFurggijuz oder Rugguserli. Ein junges Duo pflegt in Basel die alten Jodellieder und damit eine fast vergessene Art der Kommunikation, die mit Whatsapp, Facebook und Snapchat nichts gemeinsam hat. Mit Après-Ski-Gegröhle auch nicht. Es würde uns guttun, wiedermal hinzuhören.

Jodeln ist sehr einfach: Man muss nur den schnellen Übergang von Brust- zu Kopfstimme beherrschen und fertig ist der Juz oder das Zäuerli. Dieser Wechsel, oder Kehlkopfschlag, ist allerdings, wie geneigte Anfänger rasch festellen werden, nicht ganz einfach zu erlernen und überbrückt zudem oft ziemlich grosse Intervalle. Ein Klangspagat. Der daraus resultierende Gesang ist einzigartig: Jeder erkennt einen Jodel auf Anhieb.

Die ursprünglich aus Thun stammende Kleinbaslerin Dina Jost brauchte zwei Jahre, bis es Klick machte. Ihr Interesse flammte auf, als sie feststellte, wie aktuell diese Tradition doch ist und wie vielfältig der Gesang sein kann, der aus dieser einzigen Technik entstand. Zusammen mit dem gebürtigen Ostschweizer Thomas-Maria Reck, ebenfalls längst in Basel beheimatet, ist sie das «Echo vo dr Feldbergstroos», ein Naturjodelduo, welches sich dem Jodeln im urbanen Raum verschrieben hat.

Jost meint: «Ich war erstaunt, wie das noch lebt. Es gibt so viele Leute, die dazu noch Bezug haben.» Und das nicht nur auf dem Land, wie ihr Duo-Partner bemerkt: «Es gibt viele Stadtnaturjodler, auch in Basel, neben den traditionellen Clubs.» Wer einmal an einem Konzert des Echos war, wird vielleicht bemerkt haben, wie sich hin und wieder spontan Leute aus dem Publikum erheben und in den Gesang einsteigen. Da ist ein verbindendes Element, welches Menschen zusammenbringt.

Keineswegs eine Sache nur für Älpler

Reck ist selbst Jodellehrer in Basel, die beiden haben seit ihrer Gründung zahllose Auftritte zusammen bestritten. Der Naturjodel kommt ohne oder fast ohne Text aus, es sind Rufe oder Gespräche durch Gesang. Man muss sich den Naturjodler als jemanden vorstellen, der auf dem Berggipfel steht und seinem Gemüt Gehör verschafft. Im Idealfall kommt ein Ton, ein Echo zurück. Das ist ein gravierender Unterschied zum traditionellen Jodel, wie ihn vielleicht die meisten kennen, und unterscheidet diesen auch vom dem, was man gewöhlich als Volksmusik im Fernsehen oder in Skihütten ertragen muss. Naturjodel ist keineswegs seichte Unterhaltungsfolklore.

Ihre stilistische Wahl ist nicht zufällig, wie Reck betont: «Naturjodel ist weniger auf die Bühne ausgerichtet, zielt weniger auf das Gefallen der Zuhörer ab, sondern auf eine spezielle Art der Kommunikation, des Austausches.» Dina Jost führt aus: «Es sind im Grunde Rufe, mit denen man jemand adressiert. Gebetsrufe oder Kuhrufe. Man spürt diese Kraft der Kommunikation.» Und: «Solche Arten von Gesang gibt es überall auf der Welt.»

Der aus Lappland stammende Joik oder auch die tuwanischen Obertongesänge aus der Mongolei sind mehr oder weniger vergleichbar und es gibt unzählige Beispiele in der Welt, die auf ähnlichen Prinzipien funktionieren. Die Loslösung vom Text ist entscheidend und ermöglicht es, eine solche Tradition aufleben zu lassen ohne wie ein Museumsexponat zu wirken. Und so entsteht, ohne sich gross anbiedern zu müssen, ein tatsächlich urbaner Jodel. Zwar stammen beide aus Gegenden, welche den Jodel im Kern ihrer Kultur tragen, sie sind aber nicht direkt damit aufgewachsen. Es ist für sie eher ein Mittel zum Ausdruck und statt einer Archäologie urchiger Bräuche.

Thomas-Maria Reck meint: «Dass sie keinen Text hat, unterscheidet diese Musik stark von den bedeutungstragenden Liedern, die im Jodelclub gesungen werden. Da sind gewisse Zuschreibungen in diesem Text, die uns nicht primär interessieren, weil sie sich doch stark von der Alltagswelt unterschieden, die ich an der Öetlinger- oder Klybeckstrasse etwa erlebe. Der Naturjodel ist weniger gebunden an solche Verortungen. Sonst ist gleich Chalet und Chüeli.» Dina Jost stimmt zu: «Das ist eine Entscheidung, die man treffen muss. Will man konkret mit Worten kommunizieren, oder mit Klang und Gefühl? Traditionelle Jodellieder besingen oft eine romantische Vorstellung der Umwelt, Naturjodel hat aber noch andere Botschaften. Das Individuum ist wichtiger als die perfekte Wiedergabe klassischer Lieder.»

Jodel als Sozialhygiene

Die Gesänge sind so auch Teil der sozialen Hygiene in einer Gemeinschaft. Streit und Missstimmungen können mit einem Jodel geschlichtet oder zumindest auf den Tisch gebracht werden. Anders als der traditionelle Jodel, jener mit Text, der oft eine Art Berglebenromantik versprüht, ist im Naturjodel nicht immer eitel Sonnenschein. Auch Wut, Zweifel oder Angst können damit ausgedrückt werden.

Beide sind sich einig, dass der Naturjodel etwas sehr körperliches ist. Er hat keine feste Bühne, keinen Raum und keine Instrumente. Die beiden vom Echo vo dr Feldbergstrooss sind so schon an den verschiedensten Ort aufgetreten, unter Brücken, auf Wiesen, in Tiefgaragen oder inmitten von Bäumen, immer auf der Suche nach einer neuen Umgebung. Der Gesang muss dem Ort angepasst werden und was der Raum nicht an Resonanz mitbringt, muss mit der Stimme ausgeglichen werden. Naturjodel ist physisch fordernd, gelegentlich Schwerstarbeit. Natürlich gibt es auch die Fusion-Jodler, welche die Tradition mit zeitgenössischem Instrumentarium verbinden, aber das sei nicht ihr Kerngebiet, wie sie betonen.

«Wir haben einen radikalen Ansatz: Wir definieren uns über die Unmittelbarkeit der Stimme. Wir haben nur sie. Dafür können wir überall hingehen, wir brauchen nichts.»

Wie man sich kleidet, so wird man auch verstanden

Ähnlich sehen die beiden es mit der Tracht. Zwar tragen sie eine für Laien traditionell anmutende Kleidung, diese haben sie sich jedoch extra von den Designerinnen Barbara Muff und Karen Felicitas Petermann anfertigen lassen (und in einer waschechten Trachtenweihe mitten im Kleinbasel präsentiert). Zwar sind die Grundelemente intakt, das Gewand entspricht aber keiner sonstwo bestehenden Tracht. Das ist wichtig, denn Trachten sind immer ein Ausdruck von Herkunft, von Status oder Funktion. An einer Tracht kann man fast alles ablesen, was es über eine Person zu wissen gibt, die traditionellen Kleidungen drohen gelegentlich, ihre Träger in Bedeutung zu erdrücken. Deswegen wollten sie ihre eigene.

Wirft man einen Blick ins Trachtenbuch von Thrasibulus Torrentinus aus dem Jahr 1586, dann steht da für die Baslerinnen:

Zv Basel haben die Wyber
Gesunde vnd starcke Lyber /
Sind auch von Natur hübsch vnd schon /
Mit Kleidern zimlich angethon / 

Ohn allen vnnötigen Pracht /
Sonder halten ein erbar Tracht /
Sind freundlich / frölich vnd Mannlich /
Vnd lassen Gott sorgen für sich. 

Das passt dann nicht so ganz ins moderne Kleinbasel. Die Tracht ist also viel mehr als eine ulkige Verkleidung? Für Jost ist es klar: «Die Tracht ist ein Arbeitskleid, das aber auch schmückt. Es hat beide Funktionen.» Eine Tracht «stiftet Identität,» dies ist für sie aber dennoch wichtig. Beide sind sich einig, gemeinsame Kleidung schafft Zusammengehörigkeit, das Gewand ist nicht nur eine optische Zugabe: «Wenn wir das tragen, dann sind wir das Echo von der Feldbergstrasse und das hat eine Kraft, eindeutig. Auch auf uns selbst,» wie Jodelpartner Reck meint.

Trotz all der Ablösung von der Tradition geschieht hier auch eine Verhandlung mit den Wurzeln des Gesangs:

«Irgendwie mussten wir uns dem Thema stellen, gleichzeitig war für uns beide klar, dass wir weder eine Basler Tracht noch eine Tracht von dort, wo wir herkommen, anziehen können, weil wir nicht in dem aufgewachsen sind. Und so kam die Idee, wie auch unsere musikalische Identität, eine Tracht entwerfen zu lassen, die zu uns passt,» so Dina Jost, und Thomas-Maria Reck stimmt zu: «Das ist die Kleidung wie auch die Musik bei uns. Wir holen es von einem Ort, aber wir machen unser eigenes Ding daraus. Der Jodel, wie wir ihn interpretieren, hat diese Elemente auch. Wir haben traditionelle Stücke, aber auch solche, die wir selber geschrieben haben.» Tatsächlich stammen, neben den bekannten Liedern, der Grossteil ihrer Stücke aus der eigenen Feder. So das Lied Zugsåg, ein Medley aus alten Stücken und eigenen Ergänzungen, in dessen Verlauf der Gesang in Hühnergegacker zerfällt und abrupt mitten in der Strophe endet, zur Belustigung der Zuhörer. Diese werden an den Auftritten oft dazu angehalten, mitzumachen.

Auf die Ansage, dass nun eins gesungen werde, «wo alli chöi», wird der Raum in männlich und weiblich eingeteilt (bei Personalmangel auf der einen oder anderen Seite sind Überläufer natürlich erlaubt). Die Menge wird instruiert, Handzeichen stehen für bestimmte Töne, die, erst zusammen geübt, tatsächlich einfach sind. Das Echo jodelt und macht Handzeichen, die Umstehenden fallen, erst zögerlich, dann lauter, in das Lied ein und es entsteht ein warmer, vereinnahmender Klangteppich. Für ein paar Minuten  entsteht eine temporäre, eng verbundene Gemeinschaft von singenden Menschen, die doch eigentlich nur, still und zurückhaltend, ein Konzert hören wollten.

«Wir können auf die Leute zugehen und der Abstand, der zwischen Publikum und Musik sonst herrscht, fällt weg. Der ganze Ballast der Aufführung verschwindet und es entsteht kurzzeitig etwas Gemeinsames. Es geht um die Anerkennung, die man sich damit entgegen bringt.»

Hierarchien und Distanzen sind in diesem Moment unwichtig, auch gibt es keine tatsächlichen Inhalte ausser dem Gesang an sich. In einer Zeit, wo jeder ständig etwas zu erzählen haben zu müssen glaubt und alles Gedachte, wie unausgegoren auch immer, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten über zig Kanäle in den Äther schickt, sind diese wenigen schlichten, urchigen Minuten der gemeinsamen Präsenz von herzerwärmender Schönheit.

Übrigens: Der Mutz ist eine traditionelle Jacke der folklorischen Tracht. Der Braune Mutz am Barfüsserplatz bezeichet demnach eigentlich eine braune Jodlerjacke. Na dann, zwei Stange und ein Jauchzer, bitte!