"Man Under Cardigan" Ron Mueck. Bild: FB Ron Mueck
"Man Under Cardigan" Ron Mueck. Bild: FB Ron Mueck
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Istanbuler Kunstszene trotzt der Depression

Zuletzt war es eine nackte Skulptur des australischen Künstlers Ron Mueck, die in Istanbul den Unmut islamischer Konservativer erregte. Ende Oktober drang eine Gruppe Männer in eine Kunstausstellung im Stadtteil Üsküdar ein, rief Parolen gegen den Säkularismus und versuchte, die Skulptur "Man Under Cardigan" zu zerstören. Der Grund: Die hyperrealistische, hockende Figur eines nackten Mannes war in einem Kamin platziert, den die Angreifer für die Gebetsnische einer Moschee hielten. Islamistische Zeitungen applaudierten den Angreifern.

Kritiker sehen in solchen Angriffen einen Ausdruck des sich verengenden Klimas in der Türkei. Sie werfen Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, Freiräume immer weiter zu beschneiden und der Gesellschaft seine konservativen Wertvorstellungen aufzwingen zu wollen. Widerspruch wird immer weniger geduldet, kritische Akademiker werden entlassen und oppositionelle Intellektuelle vor Gericht gebracht. Wie kritisch kann die Kunst da noch sein?

Bei der 15. Istanbul Biennale, die noch bis Mitte November am Bosporus läuft, stellt sich diese Frage verschärft. Kuratiert von dem renommierten Künstler-Duo Elmgreen & Dragset steht dieses Jahr das Thema "ein guter Nachbar" im Zentrum der Schau, die vornehmlich im Istanbuler Stadtteil Beyoglu gezeigt wird. "Ist ein guter Nachbar jemand, der so lebt wie Du?", fragt die Ausstellung etwa und rückt damit die Frage des Zusammenlebens in den Mittelpunkt.

Die Idee von Zuhause und Nachbarschaft sei "im sozialen und politischen Kontext der Türkei sehr relevant", erklärt die Biennale-Direktorin Bige Öger. "Eine der wichtigsten Fragen ist, wie wir mit unseren verschiedenen Identität in einer Gesellschaft zusammenleben können." Viele Kunstwerke beschäftigten sich mit den brennenden Fragen der Zeit, sagt Öger und nennt Vertreibung, Migration und Krieg, aber auch die in Istanbul besonders brisante Frage der Stadtentwicklung.

Kunst sorgt für neue Energie

Viele der Künstler nähern sich den sozialen und politischen Fragen auf subtile, leise Art. So Latifa Echakhchs abblätternde Wandmalerei, die Szenen von Strassenprotesten zeigt und die Gezi-Proteste im Sommer 2013 in Erinnerung ruft. Ebenfalls leise, aber politisch ist Erkan Özgens Video "Wonderland", das einen taubstummen Jungen zeigt, der nur mit Gesten von der traumatischen Ermordung seiner Cousins durch die islamistische IS-Miliz im syrischen Kobane berichtet.

Der kurdische Filmemacher stammt aus dem südostanatolischen Diyarbakir - seit Jahrzehnten ein Zentrum des Kurden-Aufstands. "Künstler sein in Diyarbakir ist seit jeher schwierig", sagt er. "In einer Region, wo die Politik derart brutal ist, erscheint es absurd, Kunst zu machen." Doch könne Kunst auch "dem Leben neue Energie" geben, sagt Özgen. Während viele türkische Künstler derzeit ins Ausland gingen, hätten sie in Diyarbakir gerade ein neues Kulturzentrum eröffnet.

"Du kannst die Leute nicht davon abhalten, Kunst zu machen", glaubt die Istanbuler Performance-Künstlerin Safak Catalbas, deren neueste Arbeit in einer der vielen Ausstellungen neben der Biennale gezeigt wurde. Natürlich würden viele Künstler gehen, doch andere kämen zurück. "Kommen und gehen, reisen und die Welt sehen ist gut", sagt die 38-Jährige. Sie sieht die politischen Einschränkungen als Herausforderung und Anreiz, eine neue künstlerische Sprache zu entwickeln.

Catalbas hat nicht den Eindruck, dass sich die Istanbuler Kunstszene verenge, vielmehr werde sie gerade interessanter. Auch der Stadtforscher Orhan Esen, der seit Jahren die Entwicklung der Kunstszene verfolgt, sieht eine positive Seite im Wandel der vergangenen Jahren. Der Boom zuvor habe viele angezogen, "die es schick fanden, Kunst zu machen, nicht aber unbedingt etwas zu sagen hatten", sagt Esen. "Die geblieben sind, sind wirklich überzeugt von ihrer Arbeit."