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Kunst im Klinkerbau: Baslerin eröffnet gemeinsam mit ihrem Mann in Berlin-Neukölln ein Zentrum für zeitgenössische Kunst

Die verrückte Idee der Baslerin Salome Grisard und ihres Ehemannes Burkhard Varnholt trägt Früchte: 2011 kauften die beiden ein altes Brauereigebäude in Berlin-Neukölln. Heute ist das Gebäude ein beachtenswertes Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Was für eine Kunsthalle, die da im Herzen von Berlin-Neukölln steht. Eingearbeitet in die ehrwürdigen Hallen einer alten Bierbrauerei der Marke Berliner «Kindl» befindet sich das Projekt der Baslerin Salome Grisard, das sie zusammen mit ihrem Mann Burkhard Varnholt am vergangenen Samstag eröffnet hatte. «Kindl» heisst die Institution, ganz dem Namen der Biermarke folgend, und sie wurde vollends privat finanziert.

Die Kunsthalle ist das Kind der in Zürich lebenden und arbeitenden Basler Architektin und des Bankers, der ursprünglich aus Köln stammt. Die Baslerin und der Kölner wagten sich an ein grosses und wie sie selber sagen: «verrücktes» Unterfangens eines Raums für Kunst im Berliner Bezirk Neukölln. Getreu dem Motto des irischen Intellektuellen George Bernhard Shaw: «Die Welt braucht mehr Verrückte – denn seht nur, wohin uns all die Normalen gebracht haben»

Den Klinkerbau aus dem Jahr 1926 hatte das Ehepaar bereits 2011 erworben. Nur ein Jahr später entwickelten sie gemeinsam mit dem Berner Kuratoren Andreas Fiedler die Idee der Kunsthalle, wie Salomé Grisard gegenüber barfi.ch sagt. Vor zwei Jahren ging in dem insgesamt 5’500 Quadratmeter umfassenden Gebäudekomplex das rund 20 Meter hohe Kesselhaus in Betrieb. Jedes Jahr entwickelt seither ein anderer Künstler eine Installation eigens für diesen besonderen Raum. So begrüssten sie zum Beispiel 2015 auch den Schweizer Künstler Roman Signer, der mit einer Installation aus Kleinflugzeug und Ventilatoren eindrucksvoll das Kesselhaus bespielt.

©grisard'architektur

Weder Privatmuseum noch kommerzielle Galerie

Dem Ehepaar war allerdings von Beginn an klar, dass der prominente Bau ein öffentlicher Ort für Neukölln werden sollte. Ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, das im internationalen künstlerischen Kontext Impulse setzt. Ganz im Stil einer Kunsthalle also, einem Museum ohne Sammlung: «Im Kesselhaus ist jährlich eine Ausstellung geplant, in den anderen Räumen sind es ungefähr drei Ausstellungen», sagt die kunstinteressierte Baslerin.

«Das Kindl Kunstteam hat unter der Leitung von Andreas Fiedler und in Zusammenarbeit mit Valeska Schneider volle Freiheit in der Planung neuer Ausstellungen», so Salome Grisard. Zudem werden im Café «König Otto», das sich im ehemaligen Sudhaus befindet, diverse mediterrane Speisen angeboten. Im Keller der Brauerei, wo nach wie vor gebraut wird, ist die Rollbergbrauerei eingemietet.

Architektur aus den 1920er Jahren

Für den Umbau verantwortlich war das in Zürich ansässige Büro grisard’architektur von Salome Grisard. Für das Berliner Projekt zeichnete sie zusammen mit ihrem Mitarbeiter Daniel Bokor verantwortlich. Im aktuellen Quartierplan der Stadt ist das Brauhaus umgeben von drei Plätzen. Wichtig war der Architektin, den Klinkerbau zum neuen und noch zu gestaltenden Platz hin zu öffnen.

Deshalb lagerten die Architekten der östlichen Klinkerfassade eine expressive Treppe in Sichtbeton und Glas vor. Sie dient als neue gemeinsame Erschliessung der vielfältigen Räume und soll gleichzeitig und vor allem nachts Strahlkraft gegen Aussen zur Umgebung und zum neuen Platz hin dienen. «Die gewagte umgekehrte Z-förmige Konstruktion soll schwebend wirken und ist zum Teil an die bestehende Wand gehängt. Zuoberst, im spitz zulaufenden Stichgang, eröffnet sich ein grossartiger Blick zum Rathaus Neukölln, der bis zum Berliner Fernsehturm reicht», sagt Grisard.

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Als erste Gruppenausstellung im neu hergerichteten Maschinenhaus ist nun eine Auseinandersetzung mit dem Thema Zeitgenossenschaft zu sehen. Der Titel: «How Long Is Now?». Künstler wie Philipp Akkerman, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova, Ceal Floyer, Jeppe Hein und Michael Rakowitz gehen der Frage nach, wie man der eigenen Zeit nah sein und sie doch zugleich reflektieren kann.