Münchenstein, Neue Welt: Das rote Geländer ist zum Festheben da. Bild A. Schwald
Münchenstein, Neue Welt: Das rote Geländer ist zum Festheben da. Bild A. Schwald
  • Andreas Schwald
  • Aktualisiert am

Aufreger Hilfsständer? Von wegen: Das richtig teure Velo-Problem liegt woanders

Das Baselbiet hat an zwei Orten Geländer für Velofahrer installiert, an denen man sich bequem halten kann: In Münchenstein und Muttenz. Während sich die Medien darüber lustig machen, liegt das eigentliche Problem ganz woanders: Der zunehmende Hochtempo-Veloverkehr bringt unsere Radrouten ans Limit.

«Was, Velo-Geländer zum Festhalten? Grossartig!» Michi freut sich, im Gegensatz zu den Medien, die sich jetzt über die drei neuen Hilfsgeländer lustig machen, die der Kanton Baselland in Münchenstein und Muttenz aufgestellt hat. 12'000 Franken haben die Installationen nach ausländischem Vorbild gekostet, bestellt wurden sie bei einem herkömmlichen Schlosser aus der Region. Mehr ist auch nicht dran: Ein höhere Stange für die Hand und eine tiefere für den Fuss. Michi ist jedenfalls begeistert, er ist eingeschworener Basler Velofahrer, und er bekennt sich dazu, sich zwischendurch auch gerne mal an einer Ampel abzustützen: «Es ist bequem. Ich bin bin dann einfach zu faul, um abzusteigen.» Da kommt ihm das offizielle Geländer nun entgegen – und anderen Velozipeden offenbar auch.

Pro Stück 4'000 Franken, das ist schon eine kleine Stange Geld. Und das wird den Baselbietern jetzt auch angekreidet: Für so etwas hätten sie jetzt wieder Geld. Doch halt, das sei nur ein Pilotversuch, entgegnet Urs Roth, stellvertretender Baselbieter Kantonsingenieur. Zwei viel befahrene Standorte wurden mit den Geländern ausgestattet und was anderswo funktioniert, kann auch hier goutiert werden. Oder auch nicht: Auf einen Facebook-Post von «Pro Velo» hin, haben sich ein paar Velofahrer kopfschüttelnd darüber geäussert. Vor allem die Fahrer der immer noch schweren E-Bikes hätten nichts davon. 

Gefährlich schnell: Neue Radrouten dringend nötig

Ein schöner, flotter Veloweg – sobald Kurven mit Gegenverkehr kommen, wird die E-Bike-Geschwindigkeit aber gefährlich.

Das ist der eigentliche Punkt. Denn während die Luft um die drei (in Zahlen: 3) Haltestangen verpufft, düst über die Baselbieter und Basler Strassen ein neues Problem: Die zunehmende Zahl an E-Bike-Fahrern. Deren Tempo nimmt laufend zu, leistungsfähige Modelle schaffen Geschwindigkeiten von gut über 30 Stundenkilometern. Mit Vollgas würden sie also locker in einer 30er-Zone geblitzt. Das sind ganz andere Dimensionen als zu jener Zeit, als die jetzigen Radwege angelegt wurden.

Das hat Folgen, für verkehrsberuhigte Strassen sowie für Velowege der Region. Das Baselbiet arbeite daran, wie Urs Roth sagt: Im Herbst soll eine Vorlage in den Landrat, den das Geld für die Radwege geht dem Kanton aus. Derweil die Nutzung massiv zunimmt und dank E-Bikes längere Distanzen mit höherer Geschwindigkeit abgespult werden können: Von Therwil mit dem Velo ins Unispital Basel? Das war früher eher für fitte Pendler angesagt, dank E-Bike ist das jetzt jedem möglich, der gern frische Morgenluft schnuppert.

Landratsvorlage folgt, denn das Velo ist nicht mehr, was es mal war

Das mit dem Festhalten ist Gewöhnungssache.

Doch wenig Radwege sind auf diese Geschwindigkeiten ausgelegt. Viele sind kurvenreich und teils immer noch gemergelt. Schon der Rennvelofahrer, der mit Muskelkraft ein hohes Tempo auf die Strasse legt, hat damit Mühe und weicht lieber auf die Kantonsstrasse aus. Für E-Bikes, die oft von ungeübteren Lenkern benutzt werden, erhöht sich damit das Risiko umso mehr. Dasselbe gilt für verwinkelte Quartierstrassen mit Tempo 30. Denn die neue Realität ist die, dass Velos mit gelben Nummernschildern nun locker auf Tempo 40 kommen. «Ja, Massnahmen sind nötig», sagt auch Roth. Die Details des Kreditbegehrens werden noch finalisiert, dann berät das Parlament darüber. Bei den Kosten handelt es sich um ein Vielfaches der Velofahrer-Halterungen: Strassenbau, auch für Velos, geht in die Millionen.

Das Baselbiet baut also nicht nur Stangen, sondern reagiert auf eine zunehmende Tendenz: Velos, die schneller sind, als die eigene Muskelkraft erlaubt. Bereits im März wurde bekanntgegeben, dass die Zahl der E-Bike-Unfälle 2016 neue Rekordwerte erreicht hatte. Obwohl die Zahl der schweren und tödlichen Verkehrsunfälle in der Schweiz laufend sinke, steige die Tendenz just im Bereich der E-Bikes, teilte das Bundesamt für Strassen (Astra) mit: 2016 gab es insgesamt 210 Unfallopfer. Mit 201 Schwerverletzten erreichte die Anzahl Unfallopfer einen Höchstwert, neun E-Bike-Fahrer kamen letztes Jahr ums Leben. Laut Astra ist die zunehmende Nutzung der motorisierten Velos ein Grund für die steigende Zahl an Unfällen: 2016 war jedes vierte verkaufte Velo ein E-Bike. Zwei Drittel der E-Bike-Nutzer sind Personen über 50 Jahren. 

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