Bilder: Christoph Merian Verlag
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  • Andy Strässle
  • Aktualisiert am

Das Atlantis wird siebzig: Krokodile, Musiklegenden und wilde Zeiten

Das Atlantis wird siebzig. Über Generationen war das 'tis das berühmteste Musiklokal der Schweiz. Die Legende hatte ihren Preis. Die Basler Journalisten Marc Krebs und Christian Platz erzählen in ihrem Buch von Musiklegenden, Alligatoren und wilden Zeiten.

Sie war nicht die erste gewesen, die mein Herz gebrochen hatte, aber dafür tat sie es immer wieder. Corinne war eigentlich nur Serviertochter im Atlantis. Natürlich war sie auch Musikerin, Saxofonistin, um genau zu sein. Natürlich mochte sie Zigaretten, Alkohol, Joints und am Ende harte Drogen zu sehr. So dass mein Herz ein letztes Mal brach. Das war mitten in den Achtzigern als das 'tis seine mittlerweile dritte Wiedergeburt unter Wirt Edi Cassini feierte.

Zur Feier des siebzigsten Geburtstags und zu einer weiteren Reinkarnation präsentierte das 'tis heute ein gestyltes, neues Buch. «Das 'tis war das berühmteste Musiklokal in der Schweiz», sagt Autor und Journalist Christian Platz: «Hier haben alle Grossen des Jazz gespielt.» Mitautor Marc Krebs grinst dazu: «Die Geschichte des 'tis hat sehr viel mit Alkohol zu tun». Und schon ist man mitten in den turbulenten Anfangszeiten des 'tis, das ursprünglich nicht Atlantis hiess, sondern Café Tropic und auch nicht am Klosterberg stand, sondern in der Steinenvorstadt. 

Wirren um Geld, Frauen und Alkohol

Am Anfang steht die Familie Seiler. Nach dem Krieg waren die Seilers erfolgreich mit dem Import von E-Pianos und immer an Immobiliengeschäften interessiert. Die exzentrischen Brüder Kurt und Paul Seiler legten den Grundstein für eine mehr als turbulente Geschichte, die – wie immer wenn es ums Atlantis geht – mit Wirren um Geld, Frauen und mit viel Alkohol zu tun hat. Legendär auch die Afrikana, die Kurt Seiler auf dem «dunklen Kontinent» sammelte, legendär die Krokodile, die er von seinen ausgedehnten Reisen mitbrachte. Bis heute hängt die Haut von Alligator Hektor noch über der Bar des Atlantis, wie der heutige Betreiber David Andreetti an der Präsentation des Jubiläumsbuches lächelnd erklärt.

Andreetii will mit dem 'tis zurück zu den Wurzeln: Das Atlantis ist seit dem letzten September wieder ein Musiklokal. «Natürlich ist es heute auch manches andere, und wir wollen auch weiter daran arbeiten, wie wir das ganze Haus am Klosterberg nutzen können.» Dabei sei er nicht in erster Linie am kommerziellen Erfolg interessiert, sondern daran, dass 'tis als «kulturelle» Institution am Leben zu erhalten. «Wenn du in die Kultur einsteigst, dann geht es dir sicher nicht ums Geld.» In den siebzig Jahren ist das Atlantis oft ruiniert und mehr als einmal totgesagt worden, nur um Mal für Mal wieder geboren zu werden.

Die Stars und das «Sennentuntschi»

Das Buch beschreibt eine verrückte Geschichte. Eine, die gespickt ist mit Stars aus der weltweiten und der lokalen Musikszene: So brachte Black Sabbath das 'tis zum Beben und früher die Pianisten Joe Turner und Don Gais. Im 'tis war die Lazy Poker Blues Band aus Basel eine Art Hausband. Aber auch Rumpelstilz und die Sauterelles traten hier auf. Am Klosterberg wurde auch zeitweilig Theater gespielt. So inszenierte etwa Hunkeler-Autor Hansjörg Schneider hier sein «Sennentuntschi» gleich selbst. Fernseh-Schätzchen Heidi Abel moderierte hier ihre Livesendungen, was die Strahlkraft des Lokals weit ins Land hinaus verstärkte. 

Das Buch ist ein Spiegel der Zeitgeschichte: 1947 war nicht nur der Rhein zugefroren, sondern die Gesellschaft erwachte nach dem zweiten Weltkrieg zu neuem Leben. Von da an war das 'tis mit seinem wilden und nicht immer schlüssigen Konzept das Wohnzimmer für mehrere Basler Generationen. Den Autoren ist es gelungen, nicht nur die Musikgeschichte, sondern auch die Turbulenzen, die grossen und kleinen Tragödien im Hintergrund des Lokals zu beleuchten. So erklärt Gestalter Andreas Hidber an der Präsentation heute Morgen, er wollte mit dem Einsatz von Fotos eine Dramaturgie schaffen, die diese Zeitreise erlebbar machen.

Autoren und Gestalter schaffen es, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen, ohne in Sentimentalität zu verfallen. So wie das 'tis immer wieder auf einem schmalen Grat balancierte, erzählen sie von langen, wilden Nächten, von Musiklegenden, dem Wandel der Zeit, aber auch von Fehlentscheidungen, krummen Geschäften und grossen Plänen. David Andreetti freut sich auf die Vernissage des Buches am Samstag. Dann beginnen die nächsten siebzig Jahre.

Alle Infos zum Buch, finden Sie hier

Die offizielle Buchvernissage findet am Samstag, 20. Mai, im Atlantis statt. Hier finden Sie alle Infos dazu. 

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