Die Kinder feiern Halloween im Bürgerlichen Waisenhaus © barfi.ch
Die Kinder feiern Halloween im Bürgerlichen Waisenhaus © barfi.ch
  • Andreas Schwald / Christine Staehelin
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Das Bürgerliche Waisenhaus: Basler Zuhause für Kinder, deren Eltern am Leben zerbrechen

Einst war es ein Kloster, dann Waisenhaus, nun ein Zöglingsheim für Kinder ohne Eltern. Aus der altehrwürdigen Zufluchtsstätte ist ein modernes Kinder- und Jugendheim mitten im Kleinbasel geworden. Und erst noch am Rhein: Das Bürgerliche Waisenhaus. Doch wenn neue Schritte begangen werden, die Institution ist so nötig wie damals, gerade wenn Eltern heillos überfordert sind – und Kinder dringend ein Zuhause brauchen.

Es sind Mauern, die Sicherheit bieten, seit vor über einem halben Jahrtausend der erste Grundstein am Kleinbasler Rheinufer gelegt wurde. Zu Beginn, von 1401 bis 1669,  bildeten die Mauern für Mönche die Grenze zum weltlichen Leben. Dann kam die Reformation, die frommen Brüder verliessen die Stadt, nur ihre feste Behausung blieb. Im bisherigen Kloster entstand ein Zöglingsheim für elternlose Kinder. Das Waisenhaus war geboren, eine sichere Unterkunft für Kinder, die ihre Eltern verloren hatten. Leider jedoch auch eine Zucht-und Waisenanstalt. Die Mauern könnten von viel kindlichem Leid berichten, aber auch von Engagement und Einsatz für die Jugend.

Früher wohnten hier Mönche, abgeschieden von der Welt. © barfi.ch 

Die Mauern stehen heute fester denn je, die Aufgabe darin Kinder uneigennützig Halt und Schutz zu garantieren ebenfalls. Die frühere Unterkunft für Zöglinge, trägt noch immer den Namen «Bürgerliches Waisenhaus», doch ist in Wirklichkeit eine moderne, nach sozialpädagogischen Grundsätzen geleitetes Kinder- und Jugendheim. Lange nannte man in Basel den Leiter des Heims «dr Waisevatter». Heute heisst er Direktor und ist Sozialpädagoge. Uli Hammler leitet die Institution, welche der Bürgergemeinde unserer Stadt Basel gehört.

Angst vor den eigenen Eltern

Die Zeiten der religiösen Einkehr und der darauffolgenden protestantischen Strenge am Rheinknie sind definitiv vorbei. Geblieben ist nur noch das historische Gemäuer und natürlich die reiche Geschichte, nicht aber, was sich hinter den Mauern abspielt. Kinder lassen ihre Sorgen vor den Toren, springen, jauchzen und spielen scheinbar unbekümmert auf dem Spielplatz. Bis zu 41 junge Menschen können hier betreut werden.

Bis zu 41 junge Menschen können im Waisenhaus betreut werden. © barfi.ch

Aber die ausgelassene Stimmung kontrastiert leider oft mit den Schicksalen der Kinder. Einige von ihnen wohnen nur drei Monate, andere bis zu vier Jahre im Bürgerlichen Waisenhaus. Weil sie Angst vor ihren Eltern haben, Vater und/oder Mutter überfordert sind weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. «Man spürt die Verzweiflung von allen Beteiligten», sagt Uli Hammler. «Besonders tragisch ist es bei kleinen Kindern, die spüren, dass ihre Eltern nicht das geben können, was sie brauchen.»

Zerrüttete Beziehungen neu aufbauen und stützen

Insbesondere wenn die kalte Jahreszeit beginnt und die Weihnachtstage näher rücken, ist die Wärme eines stabilen Zuhauses mit einem sozialen Halt umso wichtiger. Fehlt das, wird die Realität für Kinder und Jugendliche besonders bitter, denn einige wachsen unter teils äusserst prekären Umständen auf. «Die Aufgabe des Bürgerlichen Waisenhauses ist, Beziehungen zu stützen, wieder aufzubauen», erklärt Uli Hammler.

Hier wohnen die Kinder und Jugendlichen. «Die Aufgabe des Bürgerlichen Waisenhauses ist, Beziehungen zu stützen, wieder aufzubauen», erklärt Uli Hammler. © barfi.ch 

Um die Notlage zu erkennen, braucht es oft mehrere Stellen. Etwa, wenn sich Kinder im Kindergarten oder später in der Schule auffällig benehmen. Dann schalten sich nach ersten Abklärungen die Behörden ein. Das kann so weit gehen, dass Kinder und Eltern zu ihrem eigenen Wohle eine Zeit lang getrennt werden. Auf diese Weise sollen die Beziehungen schrittweise wieder aufgebaut und gefestigt werden, so kann mit professioneller Hilfe eine Familie noch einmal zusammengeführt werden.

Akute Fälle gibt es immer wieder 

Doch es gibt auch akute Fälle: Nicht immer überweisen Behörden Kinder und Jugendliche. Es gibt viele Fälle, in denen ein Kind völlig verzweifelt ist, sich fürchtet nach Hause zu gehen und dann beim Nottelefon 147 anruft – denn ja: es gibt sie durchaus, diese Drohungen wie «ich schlag dich windelweich!».

In diesem modernen Gebäude gibt es das «Notbett»: Jugendliche finden dort kurzfristig ein Dach über dem Kopf, einen Ort der Ruhe. © barfi.ch 

Stimmen das Alter und der Heimatkanton und sind die Umstände ernst genug, finden die Verzweifelten im ehemaligen Kloster umgehend ein neues Dach über dem Kopf. «Erst wenn sich die Lage des Jugendlichen nach drei Tagen nicht verbessert hat, werden die Behörden eingeschaltet», sagt Hammler. Dieses Angebot des Notbetts habe schon vielen Jugendlichen geholfen: «Es ist eine hervorragende Form, um in einer akuten Krise die Hektik und Unsicherheit wegzunehmen». Mindestens einmal pro Monat sei das extra dafür eingerichtete Bett besetzt.

Suchtkranke Eltern und psychische Überforderung

Dann beginnt die intensive Arbeit. Bei kleinen Kindern werden die Eltern so stark wie möglich miteinbezogen. Sie essen zum Beispiel gemeinsam im Bürgerlichen Waisenhaus das Abendessen und die Eltern bringen ihr Kind ins Bett. «Es ist ein Lernen und Üben des Alltags», sagt Uli Hammler. Die Eltern können beobachten, wie die Sozialpädagogen mit alltäglichen, kleinen Problemen umgehen. So lernen sie selbst neue Strategien für ihren eigenen Alltag.

Der Innenhof lädt an sonnigen Tagen zum Spielen ein. Ein «Döggeli-Kasten» steht bereit. © barfi.ch 

Denn: «Die Hintergründe für die Probleme sind vielfältig», so Uli Hammler. «Es sind oft Kinder aus zerrütteten Familien mit Abhängigkeiten der Erziehungsverantwortlichen, etwa von Alkohol und anderen Drogen.» Doch nicht nur. Immer mehr leiden Papa und Mama unter psychischen Problemen, sind der Erziehung nicht gewachsen. Ob es einen statistisch nachweisbarer Anstieg gäbe, sei schwierig zu sagen, sagt der Direktor des Bürgerlichen Waisenhauses. Vielleicht hänge es mit einer zunehmenden Sensiblisierung gegenüber der psychischen Gesundheit zusammen. «Man spricht heute vermehrt offen über Burn-Out, Depressionen und Überforderung», stellt Uli Hammler fest. Was an sich gut ist – denn so wird schneller Hilfe geholt, wo immer sie nötig ist.

Wenn die Heimkehr nicht mehr möglich ist

Die jüngsten Kinder im Waisenhaus sind fünf und 13 Jahre alt. Hier übernehmen sie erste Verantwortung, zum Beispiel das Füttern der hauseigenen Ziegen, stets begleitet und betreut von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Im Bürgerlichen Waisenhaus leben die Kinder unter der Woche, am Wochenende gehen sie nach Hause. «Wenn dies nicht möglich ist, begleiten wir die Kinder und Jugendlichen in ihren Schritten Richtung Selbstständigkeit», sagt Uli Hammler. Es komme vor, dass eine Familie so zerrüttet sei, dass die Kinder gar nicht mehr nach Hause zurückkehren können. «In solchen Fällen ist das Bürgerliche Waisenhaus eine zu grosse Institution», erklärt Uli Hammler. «Dann wird für die Kinder ein Platz in einer darauf ausgerichteten Organisation gesucht.» Allerdings würden solche Fälle die Ausnahme bilden.

Die jüngsten Kinder im Waisenhaus sind fünf Jahre alt. © barfi.ch 

Zudem gibt es noch zwei Wohngruppen, die sich ausserhalb des ehemaligen Klosters befinden. «Dort ist der Aufbau ähnlich, doch die jungen Erwachsenen haben mehr Pflichten, mehr Kompetenzen. Eigentlich ist es wie eine WG, aber unter enger Aufsicht», so der Direktor des Waisenhauses. Der letzte Schritt in die Unabhängigkeit ist das selbstständige Wohnen. «Wir mieten insgesamt 18 Einzelzimmer-Wohnungen an. An diesem Ort sind die jungen Erwachsenen selbstständig, aber sie werden gecoacht.» Verliert ein Jugendlicher, eine Jugendliche die Lehrstelle, hilft das Bürgerliche Waisenhaus ebenfalls weiter. «Wir bieten das sogenannte Arbeitstraining an», so Hammler. Insgesamt zehn Jugendliche können in der Schreinerei, bei der Gärtnerei oder im hauseigenen Café arbeiten. 

Das Leben kann auch gut zu einem sein

Und am Schluss, fällt die Trennung schwer? Wenn es soweit ist und die Kinder wieder zu den Eltern zurückkehren können, dann freue er sich, sagt Uli Hammler. Aber nur, wenn sich alle Beteiligten zuvor auf den richtigen Zeitpunkt einigen konnten. «Es kommt vor, dass Platzierungen aus rechtlichen Gründen früher als von uns empfohlen, aufgelöst werden», bedauert der Direktor: «Dann hat man schon ein bisschen die Angst im Genick und fragt sich: Sehen wir das Kind bald wieder?».

Ein Geschenk in der Schreinerei eines ehemaligen Zöglings: «Ich war selbst als Jugendlicher hier zuhause. Das Leben hat es gut mit mir gemeint, ich habe Geld verdient.» © barfi.ch 

Denn ein Leitsatz begleitet die Arbeit im Bürgerlichen Waisenhaus immer wieder: «Leben kann scheitern», weiss Uli Hammler. Genau für diese Fälle ist das Bürgerliche Waisenhaus da und hilft wieder auf die Beine. Und deshalb gibt es da eben diese Erfolgsgeschichten, welche Leben und Arbeit in der Institution bereichern. Etwa die: Eines Tages kam ein erfolgreicher Unternehmer ins Bürgerliche Waisenhaus in Basel, und er brachte ein Geschenk: «Ich war selbst als Jugendlicher hier zuhause. Das Leben hat es gut mit mir gemeint, ich habe Geld verdient.» Jetzt wolle er dem Waisenhaus auch etwas zurückgeben. Und er schenkte der Institution eine Maschine für die hauseigene Schreinerei.

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