• Jonas Egli
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Der schaurige «Totentanz» erwacht im Museum Tinguely

Hinter dem offensichtlichen Grauen lauert der wahre Schauer: Neben Jérôme Zonders zeichnerischem Schreckenskabinett eröffnete heute das Museum Tinguely auch Jean Tinguelys Arbeit «Mengele Totentanz». Die späte Arbeit des Künstlers ist nur aussergewöhnlich politisch, sondern auch eines seiner furchterregensten Werke.

Zuletzt gab es Pläne, die Arbeiten in einer unterirdischen Kapelle auf dem Landsitz der Familie Sacher in Pratteln zu inszenieren. Dazu kam es aber nicht. Stattdessen hat die monumentale Installation nun im Museum Tinguely in einer kapellartigen Raumarchitektir eine dauerhafte Bleibe gefunden. Die achtzehn Gebilde von Landmaschinen, Tierschädeln und Senseblättern in der Installation erwachen auf Knopdruck zur Geisterbahn. Urplötzlich durchbricht der Schrecken das Dunkel, wie in jener Nacht vor über dreissig Jahren.

Das Zentrum des Totentanzes bildet eine Landwirtschaftsmaschine mit aufgesetztem Nilpferdschädel. Ausstellungsansicht Museum Tinguely. Bild: barfi.ch

Der Tod kam in der Nacht

Im August 1986 schlug in Neyruz bei Fribourg der Blitz ein und ein Hof brannte über Nacht bis auf die Grundmauern nieder. Mehr als verkohlte Balken und versengte Erde waren am nächsten Morgen in der Asche nicht mehr zu finden. Einzig ein Lindenbaum überlebte den Brand. Trotz dem Unglück seiner Nachbarn war Jean Tinguely fasziniert von dem, was das Feuer zurückliess und begab sich in die Trümmer, um daraus ein Werk zu schaffen. Die Idee der alles verschlingenden Hölle trieb ihn an, wie ihn die Albträume in dieser Zeit wachhielten.

Das Schattenspiel des Totentanz'. Ausstellungsansicht Museum Tinguely. Bild: barfi.ch

Jean Tinguely angesichts des Unglücks

Wenige Monate zuvor ist Jean Tinguely nach einem schweren Herzleiden und folgender Operation Ende 1985 dem Tod nur knapp entkommen, Monate lag er im Bett und klagte über Antriebslosigkeit und Albträume. Dass er dem eigenen Tod so machtlos gegenüberstand, machte ihm zu schaffen. Er erbaute dieser Machtlosigkeit ein Denkmal, den «Mengele Totentanz». So düster ist kaum eine andere Arbeit von Tinguely. 

Erinnerungen an die NS-Zeit

In ihr verarbeitet er nicht nur eigene Tragödien, sondern es ist klar, dass es sich bei der Bezeichnung «Mengele» nicht bloss um den Landmaschinenhersteller handelte, dessen verkohlte Teile er in die Installation einbaute. Die Maschinenfirma und der grausame Nazi-Arzt entstammen derselben Familie. Und diese finanzierte wohl auch dessen Flucht und Exil. Mengele, einer der Handlanger der nationalsozialistischen «Maschinerie des Todes», wurde nie gefasst.

Mengele Totentanz (Detail), Ausstellungsansicht Museum Tinguely. Bild: barfi.ch

Der «Mengele Totentanz» ist eines der wenigen Werke, die das Thema des Nationalsozialismus explizit aufnehmen. Als 15-Jähriger wollte sich der junge Jean Tinguely dem albanischen Freiheitskampf gegen die einmarschierenden Faschisten Mussolinis anschliessen. Er kam aber nicht einmal über die Grenze. Nicht nur, dass das Grauen des Faschismus unaufhaltsam voransschritt, er musste auch noch hilflos zusehen. Die Wut darauf und die Hilflosigkeit gegenüber den Ereignissen zwischen 1985 und 1986 kanalisierte Tinguely im Totentanz. Statt das Grauen zu zeigen hat Tinguely eine Hölle gebaut.