Aus und vorbei: Die Qualen am Füller haben ein Ende und keiner will sie zurück. Bild A. Schwald
Aus und vorbei: Die Qualen am Füller haben ein Ende und keiner will sie zurück. Bild A. Schwald
  • Andreas Schwald
  • Aktualisiert am

Ein Verlust? Wie Basel die Schnürlischrift abmurkste – und sie für immer los ist

Aus, aus, das Spiel ist für die Schnürlischrift aus. Alle Basler Primarschüler, die jetzt in der zweite Klasse sind, haben noch nie von ihr gehört. Und werden es auch nie: Basel-Stadt hat die gleichzeitig verhasste und geliebte Schnürlischrift endgültig gekillt. Und sie soll auch nie mehr zurückkommen.

Was war das für ein Krampf, diese verschnörkelten Figuren irgendwie aufs Papier zu kriegen. Klein waren die Hände, der Füller mehr Endgegner als Schreibgerät und diese seltsamen antiquierten Zeichen, die in den Achtzigern schon keiner mehr brauchte. Meine Schönschreibnote? Die schlimmste der Klasse.

Jetzt ist die Schnürlischrift tot. Gekillt von ganz oben, also von den Kantonen. Basel-Stadt hat sie aufs vergangene Schuljahr hin abgemurkst. Wer also jetzt in der zweiten Primarschulklasse ist, hat noch nie von ihr gehört, hat sie noch nie zu Papier bringen müssen und soll das auch nie: «Stand heute wird sie sicher nicht wieder eingeführt», sagt Peter Wittwer, Sprecher des Erziehungsdepartements Basel-Stadt. Die Abschaffung sei unter keinen Umständen umstritten.

Vom gewaltvollen Ausrotten der Linkshänderei

Die Handschrift von Jeremias Gotthelf: Wunderbar geschwungen, aber 2017 komplett unleserlich. Die erste Seite der Erzählung «Die schwarze Spinne» aus dem Jahr 1842.

Genau vor 70 Jahren wurde sie in der Schweiz eingeführt, die heutige Schnürlischrift. Davor hatte sie in verschiedenen Versionen Jahrhunderte überdauert, die Kurrentschrift, also die «fliessende Schrift». Im Gegensatz zur Blockschrift, die dank Kugelschreibern und Tintenroller beliebter, einfacher, schneller und fürs Handgelenk schonender wurde. Das Kursive, das die Kurrent ausmachte, ist jetzt Geschichte. Niemand schreibt mehr kursiv.

Und was war sie mit Schmerzen verbunden. Früher etwa, als sie die Linkshänderei auszurotten versuchten: Als sie mit Rute und Stock die Primarschüler schlugen, wenn sie die «unschöne Hand» zum Schreiben brauchten. Als sie den Kindern die linke Hand festbanden, damit sie gar nicht erst auf die Idee kamen, damit schreiben zu wollen. Und was wurden wir, die viel später Geborenen, dann immer noch mit Schimpfwörtern eingedeckt: Sauklaue, hiess es. Das kann ja keiner lesen! Tja, heute ergeht es der Schrift so, wie es uns früher ergangen ist: Keiner kann sie mehr lesen, keiner will sie mehr schreiben, mit einem einfachen Schlussstrich wurde sie ins Grab geschoben.

Stattdessen: Sanfte Konditionierung mit Basisschrift

Die Schweizer Standardschnürlischrift aus dem Jahr 1947. ©Keystone

Die schnörkelige, von Könnern fein ziselierte und mit wilden Arabesken verzierte Fliessschrift erfreut durchaus noch ihre Liebhaber. Auf alten Postkarten wirkt sie romantisch, wunderschön geschwungen, Ausdruck von Herzlichkeit und dem Bemühen, mit dem Handschriftsatz einen guten Eindruck zu hinterlassen. Die Schmerzen und Wunden beim erzwungenen Erlernen der Schrift: Vergessen. Es blieb nur das romantisierte Schriftbild alter Epochen. Oder wer kann heute noch die alte Sütterlin im Milchbüechli gewisser Grosseltern entziffern?

Basisschrift, heisst das, was sie heute lernen. Dabei wird den Kindern ein viel grösserer Spielraum bei der Schriftgestaltung gelassen. Ein bisschen Schnürli ist da schon noch dabei, aber vor allem Blockschrift, Hauptsache, die Buchstaben sind leserlich und die Kinder verkrampfen sich nicht mehr so beim Schreiben. In einem Elternbrief hatte das Erziehungsdepartement vergangenes Jahr darauf aufmerksam gemacht. Neben dem kleinen Ausruf der Empörung ging lauter ein Seufzer der Erleichterung durch die heimischen vier Wände. Gemischt mit Erinnerungen an die eigenen Schulzeit.

Alte Schul-Zöpfe zum Abschneiden

So gehen Hausaufgaben heute. ©Keystone

Damit wird die Schnürlischrift leider wohl endgültig zur reinen Kunstform. Vielleicht will sie mal jemand wieder auspacken, einen romantischen Brief schreiben oder kondolieren, ganz von Hand und mit Tinte, vielleicht einen symbolischen Vertrag unterzeichnen, aber mehr? Die zweite Generation der Basisschrift-Primarschüler wurde gerade eingeschult – und, wie Peter Wittwer sagt, die Älteren würden es sich dann natürlich von alleine abgewöhnen.

Und so einfach ist die Abschaffung einer Schreibweise, die noch Jahrzehnte nach ihrem Aussterben im Berufsalltag den Schülerinnen und Schülern aufgezwungen wurde. Die verkrampfte Haltung war ja auch eine Art körperliche Züchtigung der kindlichen Ausdrucksweise. Ob man das im Erwachsenenalter je wieder brauchte, hat keiner gefragt. Wie die jahrzehntelang in Staatsschulen diskriminierten und misshandelten Linkshänderinnen und Linkshänder. Daran dürfen sich Modernisierungsgegner der Schule gerne erinnern: Denn das will keiner zurück.

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