Gestern an der Tramhaltestelle Barfi gesehen: Unterschriftensammler der Organisation «We are helping» © barfi.ch
Gestern an der Tramhaltestelle Barfi gesehen: Unterschriftensammler der Organisation «We are helping» © barfi.ch
  • Christian Platz/Christine Staehelin
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Immer dreister: Die Kundenwerber warten jetzt schon an der Drämmli-Haltestelle

An mindestens elf Standorten warten sie in der Innerstadt auf Kundschaft, die Kundenfänger mit ihren Infoständen. Miete müssen sie dafür keine bezahlen, dafür werden sie immer hartnäckiger. Neuerdings haben sie ihr Jagdrevier sogar schon auf Tramhaltestellen ausgedehnt.

Einige von ihnen sehen nicht gerade nach Wohltätern aus, eher so, als würden sie Ärger suchen. Kein Wunder, denn sie werden schliesslich von Agenturen bezahlt und sammeln heute für dies, morgen für das; ein trostloser Job.«Hän sie e Minute?». Nein, die hat man nie, wenn Kundenfänger mit ihren Infoständen motiviert die Passanten um einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit bitten. Meist geht man einfach weiter. Normalerweise trifft man sie in der Streitgasse, in der Freien Strasse oder vor der Hauptpost an. Ein kleiner Stand war gestern an der Tramhaltestelle vom Barfüsserplatz, gleich neben dem Kiosk aufgebaut. Ein ungewöhnlicher Ort. «ZITAT Bau- und Verkehrsdepartement». 

«Länger geht es auch nicht»

Mit dem Blick auf die Haltestellenanzeige konnten sich die Angesprochenen nur auf «Mein Tram kommt aber schon in zwei Minuten» - natürlich gefolgt von der Antwort «Länger geht es auch nicht» -  beschränken. Ausser natürlich, man rettet sich mit dem nächstkommenden Tram und nimmt gegebenenfalls einen kleinen Umweg in Kauf. «ZITAT Bau- und Verkehrsdepartement».

«We are helping»

Die Organisation «We are helping» war mit einem Unterschriftensammler präsent, der vor allem Frauen um eine Unterschrift bat. Wofür, ist der barfi-Redaktion nicht bekannt. Da die Unterschriftensammlung auf Allmend stattfand, können die Basler Verkehrsbetriebe auch nichts dagegen machen. Dies, obwohl das Aufstellen von Infoständen im öffentlichen Raum in Basel eigentlich genau geregelt ist.

Elf Orte in der Stadt

Es gibt elf Orte in der Stadt, an denen Organisationen auf Kundenfang gehen dürfen. In der Nähe des Barfüsserplatzes sind dies fünf Quadratmeter bei der Streitgasse, also zwischen dem Brunnen und dem Café Huguenin. Die Kundenfänger müssen für diese Nutzung des öffentlichen Raums nichts bezahlen. Allerdings müssen sie von Institutionen getragen sein und müssen ihre Aktivitäten, zwecks Koordination, zwei Wochen im Voraus anmelden. 

Eine Institution darf pro Jahr höchstens 20 Tage mit ihrem Stand präsent sein. Die im Meldeformular bezeichnete verantwortliche Person haftet für sämtliche Schäden und Unfälle, die im Zusammenhang mit einer Allmendbenützung durch Infostände stehen. Zudem darf an einem solchen Stand keine Produktewerbung gemacht werden. Daniel Hofer, Sprecher Baudepartement: «Grundsätzlich dürfen Unterschriften gesammelt werden. Ein Informationsstand muss jedoch angemeldet werden, aber Unterschriften-Sammler ohne Stand brauchen sich nicht zu melden.»

Auf jedem Stadtspaziergang

Elf Standorte also, verteilt in der Innerstadt, an drei dieser Orte ist im Herbst vier Monate Pause. Trotzdem sind elf – gemessen an der Grösse Basels – viel. Denn eigentlich gibt es noch ein zwölftes Revier für die Kundenjagd, das nicht auf der Liste steht, vor der Hauptpost. Wer einen Stadtspaziergang macht, kommt nicht umhin, den Kundenfängern in die Hände zu laufen. Und die lassen dich teilweise nicht so schnell wieder los... 

«Für die Natur»

Dabei werden ganz unterschiedliche Kontaktphrasen angewendet. Eine Auswahl aus den letzten Wochen: «Wir suchen junge Menschen, die sich für die Natur engagieren wollen...» – das ist nett, vor allem, wenn man schon über 50 Jahre alte ist. «Wollen Sie sich gegen Kinderarbeit einsetzen?» – Wer will das nicht?

Aber setze ich mich wirklich dagegen ein, wenn ich dieser Organisation auf der Strasse Geld verspreche? Und dann kommt der dickste: «Wissen Sie, dass in Polen Hunde lebendig verbrannt werden?» – Das will ich eigentlich gar nicht wissen und laufe angewidert weiter. Eigentlich bin ich nämlich in der Stadt, um Taschentücher zu kaufen...

«Ich rufe Sie heute Abend zuhause an»

In ein Verkaufsgespräch auf der Strasse möchte ich mich eigentlich nie ziehen lassen. Trotzdem, schon ist es passiert. Ich soll mich gegen Gewalt in Afrika engagieren. Tönt alles ganz gut, doch dann sagt mir der junge Mann, dass man mir am liebsten ab nächsten Monat Geld direkt vom Konto abziehen würde. «So etwas entscheide ich doch nicht einfach hier auf der Strasse». Antwort: «Das ist aber ein Vorurteil, aber sie können mir ja ihre Telefonnummer geben, dann rufe ich sie heute Abend zuhause an». Das will ich auf keinen Fall ich passe. Und jetzt reicht’s mir...

«Jesus weint»

Der nächste Kundenfänger, der mir in den Weg steht, an der Schifflände, kommt von Amnesty International. «Wollen Sie sich gegen Folter engagieren?» Da höre ich mich sagen: «Da fragen Sie den Falschen, ich bin Experte für physische Interrogationstechniken und berate Regierungen im Ausland...» Oje – habe ich das jetzt wirklich gesagt? Und am Claraplatz kommt dann noch ein Scientologe mit der saublöden Frage: «Wie viele paar Schuhe tragen Sie?» Der will mir wohl einen Persönlichkeitstest verkaufen. Nun höre ich mich sagen: «Jesus weint, wenn Sie auf der Strasse Werbung für ihre schreckliche Sekte machen». Da ist er baff! 

Eine Stunde Stadtspaziergang, fünf Mal angequatscht. Es ist ja ok, wenn man auf der Strasse für das Gute, Schöne, Wahre werben darf. Aber wenn es überhand nimmt, werde ich plötzlich zum schlechten Menschen. Und wie geht es Ihnen?

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