Geruhsames Wochenende; Foto aus den späten 1920-er Jahren.
Geruhsames Wochenende; Foto aus den späten 1920-er Jahren.
  • Christian Platz
  • Aktualisiert am

Juhui, Wochenende! Doch die Fünf-Tage-Woche ist eine moderne Errungenschaft, auch in Basel

Freizeit für die arbeitende Bevölkerung ist – geschichtlich betrachtet – keine Selbstverständlichkeit. Sie wurde immer gegen massiven Widerstand der Arbeitgeber durchgesetzt. Das zweitägige Wochenende für die arbeitende Bevölkerung wurde bei uns erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flächendeckend eingeführt. Für Lehrer und Schüler kam die 5-Tagewoche sogar erst viel später.

Wirtschaftsfaktor Freizeit

Freizeit, das ist heute selbstverständlich ein mächtiger Wirtschaftsfaktor, an dem ganze Industrien hängen. Freizeit ist diversifiziert, wird vermarktet, umsichtig geplant und verplant. Wir kennen heute nichts mehr Anderes. Dabei ist bezahlte Freizeit auch bei uns eine Entwicklung der Moderne, die Schritt für Schritt erkämpft werden musste. Früher hatten nur die vermögenden Schichten Zeit und Musse für andere Angelegenheiten als harte, fast pausenlose, knochenbrechende Arbeit.

14- bis 15-stündige Arbeitstage

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren 14- bis 15-stündige Arbeitstage die Regel. Fabrikbesitzer und Chefs von Handwerksbetrieben konnten ihre Angestellten nach eigenem Gutdünken arbeiten lassen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zerbrachen oft an diesem aberwitzig strengen Programm. Doch ihr Wohlergehen stand nicht im Zentrum des gesellschaftlichen Interesses, das von den vermögenden Schichten vorgegeben wurde. Keine Arbeit hiess nur eins: Hunger leiden. So sah der Alltag der arbeitenden Bevölkerung damals aus.

«Am siebten Tage sollst Du ruhen»

Und dies an – mindestens – sechs Tagen in der Woche. Die Tradition des freien Sonntags, oft genug auch nur des Sonntagmorgens, hatte wenig nur mit Menschenfreundlichkeit der Arbeitgeberseite zu tun. Vielmehr stammt die Idee dieses Ruhetags aus der Bibel, «am siebten Tage sollst Du ruhen», ist der Spruch, auf den sich der eine freie Tag in der Woche stützt. Alle abrahamitischen Religionen kennen diesen Ruhetag. Bei den Juden ist es der Sabbat, sie feiern ihn als den Ruhetag Gottes nach Erschaffung der Welt. In vielen Staaten mit islamischer Tradition ist der Freitag der wöchentliche Ruhetag. Und bei den Christen musste es der Sonntag sein, weil Christus an diesem Tag auferstanden sei. In allen drei Religionen kommt man an diesem einen Tag zum Gebet zusammen und lauscht Predigern, die zur Gemeinde sprechen. Die eigentliche Freizeit war also bloss ein Nebeneffekt, die religiösen Pflichten standen im Zentrum. Besonders harte Meister, liessen ihre Arbeiter sogar lediglich am Sonntagmorgen in die Messe gehen – und nachmittags wieder zum Werken antraben. Kinder waren von diesen Arbeitszeiten übrigens keineswegs ausgeschlossen, ihnen wurde bis in die 1820er Jahre hinein Elf- bis Zwölfstunden-Tage zugemutet.

Mit Streiks untermauert

Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts forderten die Handwerker Reduktionen der Arbeitszeit. Zunächst war dabei eine Reduzierung auf elf Stunden im Gespräch, danach auf zehn Stunden. Diese Forderungen wurden jeweils mit Streiks untermauert, die Arbeitgeber wehrten sich mit Händen und Füssen dagegen, dabei hatten sie die Behörden und die Gewehre der Polizei meistens auf ihrer Seite. Doch die Handwerker und Arbeiter blieben hartnäckig und organsierten sich immer stärker, bis sich etwas bewegte. In Basel-Stadt wurde die Arbeit 1869 auf tägliche zwölf Stunden limitiert. Ein erster Schritt.

Es wurde um jede Stunde gekämpft

Es dauerte bis in die 1920er Jahre hinein, bis die gesetzliche Arbeitszeit in der Regel auf 48 Stunden pro Woche festgelegt wurde. Kantonale Verordnungen und Bundesgesetze sorgten dafür. Nur aufgrund massivster Arbeitskämpfe der Gewerkschaften war dies möglich geworden, es wurde quasi um jede Stunde gekämpft, auf der Strasse, wo deswegen viel Blut vergossen wurde, sowie in Räten und Parlamenten. Ironischerweise kam die nächste Reduktion der Wochenarbeitszeit dann 1929, während der Weltwirtschaftskrise, weil schlicht immer weniger Arbeit vorhanden war. Allerdings war die Sechs-Tage-Woche noch immer die Regel.

Die britischer Lord hat es vorgemacht

Das zweitägige Weekend entstand anfangs der 1920-er Jahre in England. Der freie Samstagnachmittag war auf der Insel aber bereits in den 1830er Jahren politisch konzipiert und durchgesetzt worden, dies ausgerechnet von einem Adligen mit reformatorischen Überzeugungen, genauer von Anthony Ashley-Cooper, 7. Earl of Shaftesbury (1801 – 1885); Lord Shaftesbury genannt. Der Begriff Weekend wurde in der gleichen Zeit eingeführt, erstmals verbrieft ist er in einem Artikel der London Times. Im frühen 20. Jahrhundert wurde diese «Weekend» der Briten als ein weiterer Spleen aus dem Vereinigten Königreich betrachtet, dem Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum gerne ironische Artikel widmeten.

Sparmassnahmen wegen Mittelverknappung

In der Schweiz wurde die Fünf-Tage-Woche erst während dem Zweiten Weltkrieg eine Tatsache. Nicht etwa, weil die Arbeitgeber milder geworden wären, sondern als Sparmassnahme wegen der allgemeinen Verknappung der Produktionsmittel. Nach dem Krieg wurde sie dann beibehalten.

Die Schulen ziehen nach

Ausser in den Schulen. Dort blieb der Unterricht am Samstagmorgen lange Zeit Realität. Oft zur Freude der Eltern übrigens, die ihre Kinder dann einmal für einen Morgen los waren – und sich angenehmen Tätigkeiten widmen konnten. Ende der 1970er-Jahre begann die Diskussion um eine Fünftage-Lösung an den Volksschulen. In Basel hat der Regierungsrat an seiner Sitzung vom 2. Dezember 2002 beschlossen, allen Schülerinnen und Schülern den Samstag freizugeben. Seither ist die Fünftagewoche für (fast) alle Baslerinnen und Basler die Regel. Gerne vergessen wir, wie viele Kämpfe dafür notwendig waren, diese Situation zu schaffen, die heute für uns alle zur Normalität geworden ist.

In News Basel finden Sie weitere Titelgeschichten.

Möchten Sie den Beitrag gerne kommentieren? Hier finden Sie die Facebook-Diskussion.