Bild: barfi.ch
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  • Jonas Egli
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Pelz beliebt wie nie: Wenn sich Geschäfte, Kunden und Tierschützer in die Haare geraten

Sie sind überall. In der Freien Strasse ist gefühlt jede zweite Jacke mit einem monströsen Pelzkragen geschmückt. Dass Tierfell nicht mehr in Mode sei, ist eine groteske Untertreibung und gleichzeitig falsch. Pelze sind politisch.

Die Zeiten des Ganzkörpernerz' der «Grande Dame» sind natürlich vorbei. Kaum jemand will sich mehr so darstellen und wenn, dann ist es nahezu immer ein Kunstprodukt. Heute findet man Fell eher am Rand, als flauschigen Zusatz von Jacken und Mützen. Besonders bei der jüngeren Generation avancierte der Fellparka in den letzten Jahren zum meistgesehenen Kleidungsstück in den Strassen Basels. Sozusagen als Gegenstück zu den Brocki-Lederjacken der Hipster. Gleichzeitig geistern durch die sozialen Medien täglich Bilder von grauenhaft misshandelten Tieren, von denen eben diese Anhängsel stammen. Dass Pelztragen problematisch ist, weiss irgendwie jeder. Kümmern tut’s aber niemanden so richtig. Ausser Tierschützer, die es kürzlich auf den Bogner-Laden an der Streitgasse abgesehen hatten.

Ob Finnland oder China, die Herkunft sagt so gut wie nichts aus

Das Deutsche Tierschutzbüro, eine offiziell klingende aber private Tierschutzorganisation, rief vor wenigen Tagen zum Boykott gegen die Kleidermarke Bogner auf—auch in Basel—weil diese ausschliesslich echtes Fell verarbeite, welches, wie die Aktivisten meinen, eben gerade aus besonders tierquälerischer Herstellung stammt. Die Tierquälerei in asiatischen und skandinavischen Ländern sei allgemein bekannt, wie Jan Pfeifer vom Tierschutzbüro vermeldet, darum ginge man gegen Bogner vor.

Was, wenn man nicht gleich zum Boykott übergehen will, aber dennoch ein gutes Gewissen sein eigen nennen möchte? Der Konsumentenschutz ringt seit Jahren um bessere Deklaration von solchen Produkten. Im Gegensatz zu anderen Ländern sind hier immerhin Herkunftsangaben Pflicht, zusammen mit der Tierart und Angaben zu deren Haltung. Bei Bogner versichert man, dass regelmässig Kontrollen stattfänden. Auch Blindtests im Laden. Die erste Frage bei meinem Besuch: “Sind Sie vom Amt?”

Doch mit der Angabe der Herkunft ist noch gar nichts gesagt und die Labels haben etwa die Realwirkung von Trumps Wahlversprechen. Die Angabe gibt falsche Sicherheit und verleitet die Menschen gerade eher dazu, einen Marderhundparka zu kaufen. Das Marketing freut’s, denn das sind genau jene Tiere, die uns blutüberströmt den Morgen auf Facebook verderben. Jede Avocado gibt mehr Auskunft über ihr Umweltverträglichkeit. In den letzten zehn Jahren hat sich die Nachfrage nach Echtfell trotzdem verdoppelt.

Kaninchen, Käfighaltung, Gitterboden. So ein Zetteli sagt herzlich wenig. Die Kleiderläden sind daran aber nicht alleine schuld. Bild: barfi.ch

Hiltl macht ernst

In der Vegi-Restaurant-Kette Hiltl in Zürich nimmt man die Sache gleich selbst in die Hand und zeigt Pelzträgern seit zwei Jahren konsequent die Tür. Das aber nur bei Partys des Hiltl-Club. In den Restaurants könne man so etwas natürlich nicht kontrollieren. Aber bei den Parties ist klar: Bommel verboten, basta, tschüss. Das Personal sei geschult, Echt- von Plastikpelz zu unterscheiden, wie man den Medien versicherte. Im Tibits an der Stänzlergasse, das Hiltl nahestehendes Familienunternehmen, aber keine direkte Tochtergesellschaft ist, gibt’s eine solche Regelung nicht und sie wäre auch unnötig. Hier trägt kaum jemand Pelz, sei einfach so, wie man mir erklärt. Tatsächlich, als ich mich umsehe, kann ich nur einen einzigen, knallgrün gefärbten Kunstwuschel entdecken. Ich stehe im Laden und meine reisserische Story löst sich in Luft auf, während Pelzkragen an Pelzkragen draussen am Schaufenster vorbeidackelt. Pech gehabt, aber löblich ist es trotzdem. Die hiesigen Ökos sind eben noch echt.

Bogner kann ruhig schlafen

Trotz dem Kampfschrei des Tierschutzbüros kann Bogner beruhigt sein. Nachdem ein deutsches Gericht ihre Pläne mit einem Protestverbot unter Strafandrohung belegte, verzichten diese nun «bis auf Weiteres» auch darauf, die Basler Filiale politisch zu bespielen. Im Edel-Klammottenladen ist man sich sicher, dass für ihre Produkte keine Tiere gequält werden. Ob das nun stimmt, könnte nur ein deutlich verbessertes Deklarationssystem beweisen. Wegschauen und melodramatische Politaktionen sind ungefähr gleich effektiv in der Bekämpfung des echten Problems.

"Ja, ich werde oft darauf angesprochen." Allerdings nicht von Tierschützern, denn dass dieses wärmende Stück von keinem Tier stammt, das sieht jeder. Diese Passantin könnte also zumindest im Hiltl unbehelligt speisen. Bild: barfi.ch

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