Weg damit? Zu viele Medikamente im Abfall schlagen auf die Krankenkassenprämien. Bild A. Schwald
Weg damit? Zu viele Medikamente im Abfall schlagen auf die Krankenkassenprämien. Bild A. Schwald
  • Andreas Schwald
  • Aktualisiert am

Prämienskandal im Abfallsack: Medikamente für Millionen landen jährlich im Feuer der Basler KVA

Baslerinnen und Basler werfen rund 10 Prozent ihrer gekauften Medikamente einfach weg. Was nach einer kleinen Menge klingt, ist der eigentliche Skandal: Der Medikamentenverkauf floriert, es wird zu viel an den Mann gebracht. Und das drückt direkt unsere Krankenkassenprämien empfindlich nach oben. Die Politik hat derzeit kaum eine Handhabe.

Jeden Tag landen sackweise Medikamente in der Basler Kehrichtverbrennungsanlage. Das Basler Gesundheitsdepartement geht davon aus, dass in den Haushalten des Kantons 10 Prozent der verkauften Heilmittel im Abfall landen. Teilweise angebrochene Pakete, teilweise neue Produkte und nicht nur das Dafalgan oder Ibuprofen, sondern auch Spezialmedikamente, die mehrere tausend Franken wert sind.

Bezahlt haben viele der Medikamente die Krankenkassen. Basel-Stadt hat noch Glück, da die so genannte Selbstdispensation für Ärzte hier nicht gilt; die Mediziner spielen in diesem Kanton also nicht auch noch gleich Apotheker. Im Baselbiet hingegen verkaufen die Ärzte oft die Medikamente selbst, teilweise in ganzen Jahresrationen. Das klingelt in der Kasse. Geht der Patient dann noch in der Apotheke etwas holen, ist die Überversorgung perfekt. Das schlägt direkt auf die volkswirtschaftliche Rechnung.

Jedes verschwendete Medikament drückt die Prämien hoch

Basel-Stadt führt allerdings keine Statistik über die Menge der verkauften Medikamente, wie die Sprecherin des Gesundheitsdepartements, Anne Tschudin, gegenüber barfi.ch sagt. Daher könne nur von einer Schätzung ausgegangen werden. Konkreter zu berechnen versucht hat es CVP-Grossrätin Beatrice Isler. Sie kam anhand von Stichproben zum Schluss, dass allein im Baselbiet Medikamente im Wert von einer knappen halben Million Franken einfach wegkommen. Das drückt auf die Krankenkassenprämien: Denn die Kassen bezahlen die Medikamente, was direkt auf die Prämienberechnung niederschlägt.

Nur: Die Handhabe der Kantone ist denkbar gering. Eingriffe wären einzig auf Bundesebene möglich. So sagt Isler auf Anfrage: «Wir können nur an den Endverbraucher appellieren.» Denn wer über die Höhe der Prämien klagt, muss auch seinen Verbrauch und seine Verschwendung hinterfragen. Das Problem ist auch beim Apothekerverband pharmasuisse bekannt. So sind die Apotheken verpflichtet, die Packungsgrösse der Medikamente, die sie auf Rezept abgeben, nach der Wirtschaftlichkeit zu richten, was auch der Kanton als einzige Handhabe angibt. Nur ist das eine relative Grösse und keine absolute.

Millionen enden in der Kehrichtverbrennung

In der Schweiz wurden nach Angaben des Pharma-Verbandes interpharma im Jahr 2016 Medikamente im Wert von rund 5,6 Milliarden Franken verkauft. Das sind umgerechnet 187,5 Millionen Packungen Heilmittel. Landen allein 10 Prozent davon einfach im Abfall, verschwinden hunderte Millionen in Müllsäcken, die dann beim Prämienzahler auf der ohnehin schon schmerzhaft hohen Prämienrechnung wieder auftauchen.

Wo die Medikamente enden? Schlicht in der Kehrichtverbrennungsanlage. Dort werden die korrekt, also in der Apotheke abgegebenen Arzneimittel zwar fachgerecht vernichtet – aber es bleibt dabei: sie werden vernichtet, oft sogar in der ungeöffneten Originalverpackung. Das Universitätsspital Basel als Grossverbraucher hat dafür ein klares Abfallkonzept entwickelt. Da nichts über das Ablaufdatum hinaus abgegeben werden darf, muss das Spital strukturiert arbeiten und die Logistik so optimal regeln wie nur möglich. Im Gegensatz zur überfüllten Hausapotheke arbeitet das Spital daher wirtschaftlich nachhaltig. So werden sogar Arzneimittel-Anbrüche von den einzelnen Stationen nach sorgfältiger Prüfung wieder in die Spital-Pharmazie zurückgenommen, um sie dann erneut abgeben zu können.

Der Verbraucher kann handeln

Aber was tun, wenn man nicht im Spital arbeitet? Herbert Plagge ist Leiter der Pharmalogistik und Prozesse beim Universitätsspital. Persönlich sei er der Meinung, die Patienten könnten stärker verpflichten werden, Arzneimittel für banale Erkrankungen aus eigener Tasche zu bezahlen. Das könnte ein Horten von Vorräten einschränken und den Anreiz erhöhen, achtsamer mit Arzneimitteln umzugehen. Auch die Zuweisung von Patienten zu einer Hausapotheke könnte das Strukturdefizit mindern: «Diese könnte das Patienten-Dossier führen und damit einen Überblick über sämtliche laufenden Arzneimittel haben, was zu einer Vermeidung von überflüssigen Mehrfachverordnungen beitragen könnte.» Eine elektronische Gesundheitskarte, auf der ein Überblick der Medikamente gespeichert ist, könne allenfalls auch helfen.

Doch das sind Ansätze: «Ich möchte betonen, dass es Aufgabe der Politik ist, entsprechende Lösungen zu finden», sagt Plagge. Grossrätin Beatrice Isler ist derselben Ansicht und nimmt den Verbraucher genau so stark in die Pflicht. So lange aber der Medikamentenmarkt durch Mehrverkäufe, neue teure und komplexe Spezialmedikationen sowie freimütiges Verschreiben zum Blühen gebracht wird, fällt es den Patienten schwer, sich einzuschränken. Denn sie vertrauen ihrem Arzt oder Apotheker, der sagt, das Medikament sei einzunehmen. Hinterfragt wird genau so selten wie regulatorisch in einen Markt eingegriffen wird, der ohnehin nicht frei ist: Denn so lange das Gros der Medikamente über die obligatorische Grundversicherung abgedeckt wird, wird tüchtig verschrieben, verkauft und abgeschöpft. Zur Freude der Pharmakonzerne – denn ob das Medikament im Körper oder im Bebbi-Sagg endet, ist in der Erfolgsrechnung des Konzerns letztlich egal.

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