Drum prüfe, wer sich vergnügt: Fälle sexuell übertragbarer Krankheiten nehmen in der Schweiz zu. © Flickr.com/A.J.Venter/Creative Commons
Drum prüfe, wer sich vergnügt: Fälle sexuell übertragbarer Krankheiten nehmen in der Schweiz zu. © Flickr.com/A.J.Venter/Creative Commons
  • Andreas Schwald
  • Aktualisiert am

(Ver)hüte sich, wer kann: Die Syphilis ist wieder da, und Basel liegt an der Spitze

Der Kanton Basel-Stadt war 2015 Spitzenreiter bei den Neuerkrankungen an Syphilis-Fällen in der Schweiz. Die Verbreitung der uralten Geschlechtskrankheit nimmt wieder zu. Das Fiese am Erreger: Sich mit ihm anzustecken, ist nicht besonders schwierig.

Eine uralte Plage bricht wieder aus. Sie heisst Syphilis und ist eine der fiesesten Geschlechtskrankheiten, die unsere Zivilisation kennt. Einmal damit angesteckt, vermehrt sich der kleine, spiralförmige Erreger im Körper schnell, er bildet Pusteln, Knoten, Flecken, dann greift er langsam auf das Nervensystem über – und kann zu schweren Schäden führen. Früher führte die Krankheit in den Wahnsinn und schliesslich in den Tod.

Seit einem halben Jahrtausend schleppt Europa die Syphilis durch Betten und Hinterzimmer, die «venerische Krankheit», wie sie in Anlehnung an die Liebesgöttin Venus genannt wurde, war dabei stets eine der schlimmsten Seuchen der Zivilisation. Jetzt erlebt sie eine erstaunliche Renaissance, während ein Zürcher Forscherteam derzeit die Herkunft des Erregers zurückverfolgt.

Da haben wir sie jetzt also wieder, die Syphilis, und die Schweiz spielt als Ansteckungsherd ganz weit vorne mit. Mit rund 7,8 Fällen pro 100’000 Einwohner im Jahr 2015 liegt die Schweiz auf dem fünften Platz der europäischen Länder, hinter Malta, Litauen, Island und Spanien, wie der Tagesanzeiger am Montag schrieb. Die Zeitung zitierte zudem eine Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG) – und da liegt Basel-Stadt im nationalen Vergleich sogar an erster Stelle.

Neuerkrankungen: Basel-Stadt ist Spitzenreiter

Denn laut der Statistik wurden 2015 im Kanton Basel-Stadt 17,7 Neuerkrankungen pro 100’000 Einwohner gemeldet. Danach folgt Genf mit 15,6, Zürich mit 14,7 und die Waadt mit 9,8 gemeldeten Neuerkrankungen pro 100’000 Einwohner. Erst dann folgt der Schweizer Durchschnittswert von 7,8. Betroffen davon sind vor allem Männer, aber auch bei Frauen ist eine leichte Zunahme vorhanden. Eine grassierende Epidemie ist das noch nicht, denn die absoluten Zahlen sehen etwas weniger beängstigend aus: insgesamt wurden 2015 schweizweit 651 Fälle von Syphilis bestätigt. Aktuellere Zahlen gibt es noch nicht, die Erhebungen des laufenden Jahres werden erst 2017 publiziert. Bemerkenswert ist aber die steigende Tendenz.

Basel also als Sündenpfuhl und Hochburg der Syphilis? Nicht ganz, aber unsorgfältige Verhütung und Nachlässigkeit beim Sex tragen zu unangenehmen Erlebnissen im Unterleibsbereich bei: «Nicht nur Syphilis, sondern auch weitere sexuell übertragbare Krankheiten wie Gonorrhoe und Chlamydien-Infektionen nahmen in den vergangenen Jahren landesweit stetig zu. So auch in Basel», sagt der stellvertretende Kantonsarzt Simon Fuchs. Diese Tendenz sei auch über die Landesgrenzen hinaus feststellbar. «Es ist bekannt, dass die Zunahme dieser Krankheiten in Ballungszentren, das heisst in grösseren Städten wie Zürich, Genf oder Basel, besonders stark in Erscheinung tritt.» Dies sei durch soziale Determinanten der Gesundheit begründet, wie zum Beispiel durch das Bildungsniveau, den sozioökonomischen Status und den Lebensstil.

Na toll, was geht mich das an, könnte man jetzt meinen, man verhütet ja und achtet sowieso auf die Wahl des Geschlechtspartners. Aber nein: Grundsätzlich passiert eine Ansteckung relativ schnell. Und Syphilis ist nicht HIV: Bei ihr reicht für eine Infektion bereits der Kontakt mit Absonderungen aus offenen Körperstellen, also zum Beispiel auch aus aufgekratzten Ausschlägen, wie sie bei der Syphilis auftreten. Da muss nicht erst Blut oder Sperma im Spiel sein. Deshalb bieten im Fall der Syphilis auch Kondome nur bedingt Schutz.

Komm schon, mach den Gummi drum

Das Erfolgsrezept des Syphilis-Erregers ist seine einfache Übertragung, vor allem durch das hochinfektiöse Wundsekret. Erst seit den 1940er-Jahren wurde die Geschlechtskrankheit effektiv eingedämmt: Mit der Entdeckung von Penicillin ging es dem «Treponema pallidum» an den Kragen. Für Penicillin-Allergiker gibt es mittlerweile mit Azithromycin ein Ersatzpräparat. Die Krankheit ist also heilbar, aber das ist auch nicht das Problem. Ihr Potenzial zur rasenden Verbreitung ist heikel. Und dass sie seit den 1990er-Jahren wieder auf dem Vormarsch ist.

Für Syphilis-Fälle besteht deshalb eine Meldepflicht. Bestätigte Fälle gelangen an die Kantonsärzte und von da aus weiter in die Statistik des Bundes. Aufklärungskampagnen laufen unter anderem seitens des Programms «Love Life» sowie durch die Tätigkeiten der Aidshilfe beider Basel und des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes Basel-Stadt.

«Die Zunahme von Geschlechtskrankheiten ist kritisch im Auge zu behalten», sagt der stellvertretende Basler Kantonsarzt Simon Fuchs. «Diese Entwicklung zeigt auf, wie wichtig zum einen die Botschaft vom Schutz durch die Kondombenutzung und zum anderen die Anstrengungen auf nationaler und regionaler Ebene sind.» Egal also, ob heterosexuell, homosexuell oder völlig offen orientiert: Im Zweifelsfall den Gummi drum ist als erste Prophylaxe immer noch das Beste.

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