Pneumologe Dr. med. Michael Gonon.
Pneumologe Dr. med. Michael Gonon.
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Zum morgigen Basler Aktionstag der Lungenliga: Grosses Interview mit Lungenfacharzt Dr. Michael Gonon

50 Prozent aller Raucher entwickeln im Laufe ihres Lebens eine ernsthafte Krankheit und haben kürzere Lebenserwartung: Das Interview mit Dr. Michael Gonon, Facharzt FMH für Lungenkrankheiten und Innere Medizin. 

Rauchen ist für etwa einen Fünftel aller Krebserkrankungen direkt verantwortlich, aber auch  für Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Schlaganfälle oder chronische Bronchitis.

Morgen findet der grosse «Aktionstags Atemweg 2017» statt. Zwischen 9 und 18 Uhr steht in ganz Basel die Lunge im Zentrum. Auf dem Barfi, Marktplatz, Clara- und Messeplatz können gratis Lungenfunktionstests gemacht werden. Barfi.ch hat mit dem Lungenspezialisten Dr. Michael Gonon gesprochen, seit zwanzig Jahren ist der Arzt als Pneumologe in Basel tätig.

Barfi.ch: Es gibt verschiedene Arten von Husten, längst nicht alle stammen vom Rauchen. Welche sind dies genau?

Dr. Michael Gonon: Mit etwa 90 Prozent ist der durch einen viralen Infekt bedingte Husten der Häufigste. Normalerweise dauert er zwischen drei bis zehn Tagen, wird von etwas Auswurf und schmerzenden Atemwegen begleitet, gefolgt von bakteriellen Entzündungen. Ein Virusinfekt kann zu Abwehrschwächen der Atemwege führen, der sich zu einem bakteriellen Infekt entwickeln kann, welcher mit Antibiotika behandelt werden muss. Diese Hustenform wird meist von gelblichem Auswurf, Fieber und gelegentlichen Atembeschwerden (Atemnot, schnelle Erschöpfung, eingeschränkte Leistungsfähigkeit) begleitet, die nicht weggehen wollen.

Zum aktuellen Anlass unseres Gesprächs: Wie sieht es mit dem sogenannten Raucherhusten aus?

Ein Raucherhusten entwickelt sich nicht akut. Klassischerweise äussert er sich morgens beim Aufstehen, weil der über Nacht angesammelten Schleim morgens abgehustet werden muss. Da das Rauchen zur Beschädigung der Flimmerhärchen in den Atemwegen führt, können sie den Schleim nur beschränkt abtransportieren. Zudem dauert ein durch Viren oder Bakterien ausgelöster Husten bei Rauchern länger als bei Nichtrauchern. 

Raucherhusten morgens. Bild: ©Lungenlinga Schweiz

Ab wann spricht man von einem chronischen Husten?

Wenn der Husten über acht Wochen anhält.

Ab welchem Zeitpunkt sollte ein Arzt aufgesucht werden?

Bei hohem Fieber und wenn der Auswurf nach ein paar Tagen nicht zurückgeht und sich seine Farbe verändert, z.B. grünlich wird, oder man Atembeschwerden bekommt.

Rauchen Sie persönlich oder haben Sie je geraucht?

Selber nein. Ich gehe aber andere Risiken ein.

Rund 400'000 Menschen leiden in der Schweiz an COPD. Was genau ist COPD (chronic obstructive pulmonary disease)?

Es ist eine chronisch obstruktive Lungenkrankheit, deren Auswirkungen bedeuten, dass das Atemvolumen der Patient immer etwas eingeschränkt ist. Die Atemwege sind enger gestellt, der Patient erreicht bei schnellem Ein- und Ausatmen kein normales Lungenvolumen. Eine Einnahme von Medikamenten kann den Zustand nur leicht verbessern, aber nicht heilen.

Entwickelt man eine COPD oder ist sie angeboren?

Nicht von Geburt an. Sie existiert praktisch nur im Zusammenhang mit dem Rauchen.

Nehmen wir an, ein starker Raucher fängt bereits im Teenageralter, also  mit 15 oder 16 Jahren, zu rauchen an, nach wie vielen Jahren kann sich eine COPD entwickeln?

Das ist sehr unterschiedlich, hängt auch sehr von der eigenen genetischen Konstellation und der Intensität des Rauchens ab. Natürlich spielen auch die Lebensumstände eine Rolle, ob jemand zum Beispiel in einer verkehrsreichen Umgebung mit schlechter Luftqualität lebt. Man kann aber sagen, dass 50 Prozent der Raucher irgendwann eine Krankheit im Laufe ihres Lebens entwickeln, die mit dem Rauchen assoziiert ist. Dazu gehört unter anderem die COPD.

Lungenfunktionstest beim Arzt. Bild © Lugenliga Schweiz

Ein starker Raucher also, der an einer stark durch z.b. Autoabgase exponierten Strasse wohnt, ist demnach gefährdeter als jemand, der auf dem Land lebt.

Ja, das Risiko ist mit Sicherheit höher.

Lohnt es sich ernsthaft den von  der Lungenliga für Raucher empfohlenen COPD-Risikotest (Link zum Test) zu machen?

Auf alle Fälle.

Kann man «vernünftig» rauchen, d.h. nur 1-5 Zigaretten am Tag?

Man kann nicht sagen, ab wann das Rauchen gefährlich wird, weil das auch sehr von der Veranlagung jedes Einzelnen abhängt. Es gibt z. B. Tumore, die sich im Mund- und Zungenbereich entwickeln können, ohne dass täglich grosse Mengen an Zigaretten geraucht werden. 

Ausser dem Raucherhusten, welche Krankheiten können sonst noch zigarettenbedingt entstehen?

50 Prozent der Raucher werden durch Nikotinkonsum krank. U.a. sind koronare Herzerkrankung zu nennen oder lokale Karzinome im Hals-Nasen-Ohren-Bereich sowie Lungen- oder Blasentumore.  Am eindrücklichsten lässt es sich so erklären: Wenn man sagen würde, dass 50 Prozent aller Fahrzeuglenker sterben, wenn sie Auto fahren, würden sich wohl nur wenige hinters Steuer setzen.

Wie sieht es bei E-Zigaretten oder Shishas aus?

Vom heutigen Wissenstand aus gesehen, sind diese Alternativen deutlich weniger gefährlich. Das Problem besteht darin, dass kaum Untersuchungen darüber existieren, welche Substanzen beigefügt werden. Als eine wirklich gute Alternative sehe ich es dennoch nicht.

Macht es in jedem Alter Sinn, mit dem Rauchen aufzuhören?

Ja sicher, es lohnt sich immer. Aus einer Studie in England, in welcher über 30'000 Menschen aus dem Bereich der Krankenpflege, also Krankenschwestern, Krankenpfleger, Ärzte, über Jahrzehnte erfasst wurden, konnte folgendes nachgewiesen werden: Bei Menschen, die vor dem 40. Altersjahr mit dem Rauchen aufhören und in den ersten fünf Jahren keine Folgekrankheiten der Lunge entwickeln, sind die Chancen nach ein paar Jahren fast so gut, wie bei Nichtrauchern. Bei Rauchern, jenseits der vierzig ist die Erholungsfähigkeit des Körpers wiederum nur noch eingeschränkt.

Also ist die Lunge ein Organ, welches sich erholen kann?

Die Lunge selber leider nein. Nur die Flimmerhärchen können sich nach dem Weglassen der Glimmstängel erholen. Zwar hustet man anfänglich häufiger, weil noch viel Raucherschleim abgehustet werden muss, aber das hört schnell auf Die Lungenfunktion eines Menschen verändert sich mit zunehmendem Alter, nimmt stetig leicht ab. Auch wenn jemand eine COPD entwickelt hat, erholt sich die Lunge zwar nicht, aber sie bleibt auf dem gleichen Niveau und verschlechtert sich nicht schneller als normalerweise.

Wie sieht es beim Lungenemphysem, der Überblähung der Lunge (Raucherlunge) aus?

Das lässt sich leider nicht mehr verbessern, der Schaden an der Lunge bleibt. 

Kommen in Ihre Praxis vermehrt auch jüngere Patientinnen und Patienten wegen Husten, Atemwegsbeschwerden oder ähnlichen Symptomen?

Im Zusammenhang mit dem Rauchen kann ich das nicht feststellen. Im Zusammenhang mit Asthma hingegen schon. Die Asthma-Rate hat zugenommen. Das hängt wahrscheinlich unter anderem mit der besseren Hygiene von heute zusammen. Der Organismus richtet sich plötzlich gegen Pollen oder Nahrungsmittel.

Was kann man als Eltern tun? Kinder vermehrt im Dreck oder Sandkasten spielen lassen?

Eigentlich beschreiben Sie das richtig. Es gibt eine sehr gute Studie aus den USA (August 4, 2016, Stein M.M., Hrusch C.L., Gozdz J., et al. N Engl J Med 2016; 375:411-421) in welcher die sehr traditionell lebende christliche Religionsgemeinschaft der Amish People und die der Hutterer verglichen wurden. Die Amish und Hutterer stammen aus der Schweiz und dem süddeutschen Raum, die heute noch ganz traditionell wie ihre Vorfahren im alten Europa leben. Nur die Hutterer  betreiben Landwirtschaft mit modernen Maschinen. In der Studie wurde gezeigt, dass die Amish weniger an Asthma erkranken als die Hutterer. Einzige Erklärung dafür ist, dass die Kinder der Amish mehr organischem Staub, wie Kuhmist, Tierhaaren, usw. ausgesetzt sind.

Demzufolge empfehlen Sie ein Haustier und Besuche auf dem Bauernhof bereits in sehr jungen Jahren?

Was Allergien und Asthma anbelangt, wäre es für die Kinder von Nutzen und das Risiko an Asthma zu erkranken geringer, wenn sich das Immunsystem daran gewöhnen könnte.

Oft spielt das Thema der Gewichtszunahme eine massgebliche Rolle beim Entscheid, nicht mit dem Rauchen aufzuhören. Welchen Tipp können Sie unseren Leserinnen und Lesern geben?

Durch das Rauchen wird auch das Essverhalten gesteuert, man isst in der Regel weniger. Wer mit dem Rauchen aufhört, nimmt in der Regel ein paar Kilo zu, was ganz normal ist. Es gibt  Medikamente, unter anderem das Mittel Champix, mit der höchsten Erfolgsrate und den wenigsten Nebenwirkungen, das diese Gewichtszunahme reduziert. Ähnlich, wie beim Nikotin, hebt das Medikament den Dopaminspiegel im Hirn an.

Gibt es auch nicht medikamentöse Methoden?

Ja, zum Beispiel die Hypnose. 

Wie funktioniert so ein Entzug?

Dazu empfehle ich gerne das Taschenbuch «Endlich Nichtraucher!» von Allen Carr. Darin ist eine sehr gute Anleitung. Bei Bedarf können mit der zusätzlichen Einnahm von Champix oder ähnlichen Medikamenten über einen Zeitraum von sieben Wochen sehr gute Resultate erzielt werden.

Abschliessend: Kann die Lunge abgehärtet werden und wenn ja, wie?

Die genetische Veranlagung und wie man aufwächst, spielt hier die grösste Rolle. Natürlich ist man weniger anfällig auf Infekte, wenn man sich in Massen sportlich betätigt und sich mehr an der frischen Luft aufhält. Ich sage in Massen, da ein zu intensiv gemachter Sport auch anfällig für Infekte machen kann, weil das Immunsystem geschwächt wird. Es ist – wie so oft – eine Frage der Dosis.