Bild: barfi.ch/http://www.itstherealthing.ch
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  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

Darf der das? Boris Nikitin spricht zu den Basler Dokumentartagen über Satire, Politik und Aufmerksamkeit

Vom 5. – 9. April 2017 finden in Basel bereits zum dritten Mal die Dokumentartage «It’s the real thing» statt. Wie immer geht es um die Frage der Realität, diesmal unter dem Aspekt der Satire. Wer darf was? Bleibt ein Scherz ein Scherz? Und warum sind wir ständig in Panik? Wir haben den Direktor Boris Nikitin gefragt.

Theatermacher Nikitin, 1979 in Basel geboren, inszeniert und schreibt neben den Festivals seit 2003 Theaterstücke und Performances und kuratiert Ausstellungen. Die diesjährige Ausgabe des Festivals findet nächste Woche an fünf Tagen in der Kaserne Basel, im Roxy Birsfelden, der Markthalle Basel und der EG Lounge im Parterre statt und behandelt, so die eigene Website, «das Dokumentarische im Fieberzustand». Das ist alles so aktuell wie kompliziert und doch war es nie so wichtig, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

barfi.ch: Boris Nikitin, das ist das dritte Mal, dass das Festival stattfindet!

Boris Nikitin: Es war eigentlich nicht als Serie geplant. Nach 2015 dachte ich erstmal, dass es nichts mehr dazu zu sagen gibt, trotz dem Erfolg.

barfi.ch: Kam wohl anders.

Boris Nikitin: Die Idee kam dann, als ich einen Artikel über die ganzen amerikanischen Satiresendungen las. Dort stand, diese Sendungen seien inzwischen besser recherchiert als die Nachrichten. Sie sind somit die besseren Nachrichten. Und da sie satirisch sind, haben sie ein anderes Verhältnis zum Publikum. 

barfi.ch: Ist Satire nicht das Gegenteil von Dokumentation?

Boris Nikitin: Satire bezieht sich auf tatsächliche Ereignisse und sagt: «Das ist die Wahrheit, aber ihr wisst natürlich, dass dies nicht stimmt.» Das Publikum wird stets als aufgeklärt angesprochen. Das fand ich interessant. Die Diskussion über das Dokumentarische in Theater wie auch im Film hat nie jemand mit Satire zusammengebracht.

barfi.ch: Obwohl das Thema von Satire und Wirklichkeit gerade die grosse Diskussion ist?

Boris Nikitin: Genau, es ist super aktuell. In den letzten zwölf Monaten wurde es immer aktueller. Aber etwa im Dezember dachte ich bereits, das ist alles so extrem geworden, dass das Festival fast obsolet ist. Vor einem Jahr klang das alles noch interessant, es ging nicht um die Darstellung oder das Abbild der Realität, sondern mehr um Verzerrung, Polemik, Karikatur und die Überschreitung von Grenzen. Was darf man zeigen, was darf man nicht sagen?

barfi.ch: Inzwischen tut’s ja eher weh.

Boris Nikitin: Ja, dann kam Böhmermann, die Geschichte mit Erdoğan: Eine Unterhaltungssendung führt zu realen politischen Problemen zwischen Deutschland und der Türkei! Plötzlich hat Satire ein Wirksamkeitspotential. Der Komiker hat eine gewisse Macht, er kann einen realen Konflikt auslösen. Doch beim Brexit kam die Frage auf: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Jan Böhmermann und einem Boris Johnson? Der behauptet ja auch irgendwas und alle finden’s lustig. Und dann stimmen sie tatsächlich für den Ausstieg.

barfi.ch: Erst das Augenzwinkern, «war ja nur Spass!», und das hat dann tatsächliche Folgen. 

Boris Nikitin: Das beste und platteste Beispiel wäre die Tragödie um «Charlie Hebdo». Eine Karikatur führt dazu, dass jemand in Wirklichkeit umgebracht wird. Das neue Problem ist, dass ich nicht mehr sicher sein kann, dass wenn ich einen provozierenden Scherz mache, dass der nicht irgendwo anders, wo ich es nie beabsichtigt habe, ganz schlecht landet.

barfi.ch: Wo kippt die Satire ins Schmerzhafte?

Boris Nikitin: Das ist ja das Interessante: Satire hat immer irgendwo einen Bezug zum Schmerzhaften, selbst bei einer Karikatur. Das was sie macht, geht über das Panel in der Zeitung hinaus und wird Teil von Politik.

barfi.ch: Kunstschaffende sind nicht so an die Öffentlichkeit gerichtet wie die Politik, die Entscheide oder Vorgänge kommunizieren und ein Parteiprogramm verkaufen muss, oder? Böhmermann macht eine Sendung und beginnt, eigentlich ungefragt, zu provozieren. Wer darf das nun?

Boris Nikitin: Das ist die grosse Frage. Es geht grundsätzlich darum, ob man das überhaupt darf. Bei Böhmermann, aber auch bei Charlie Hebdo, kam immer wieder dieses Tucholsky-Zitat: «Satire darf alles.» (Gespräch mit Diedrich Diederichsen: Die Beleidigung; Sa 8. April, 19:45 Uhr, Kaserne)

barfi.ch: Wann geht es zu weit?

Boris Nikitin: Nochmal eins draufsetzen, sich aufheizen, wieder provozieren, dort liegt das Problem. Es ist einfach nicht nötig und doch wird es nonstop überall gemacht. Und man muss aufpassen, als Künstler, der Geld dafür erhält, dass er nachdenkt. Das muss man ernst nehmen. Es kann nicht nur ein Freischein (Feldexperimente: Basler Fasnacht; Vernissage: Fr 7. April, 17:00 Uhr, Markthalle) sein, alles tun zu dürfen.

barfi.ch: Kann Satire ein Mittel gegen die Abstumpfung sein?

Boris Nikitin: Jein. Es ist ein Mittel gegen die Abstumpfung, gleichzeitig besteht auch immer die Gefahr, dass man sich auch an das gewöhnt. Zuerst hatten wir für die Dokumentartage ein anderes Plakat geplant. Um einiges provokanter. Ich hatte keine Lust. Man muss aufpassen, dass man diese Logik nicht permanent mitspielt.

barfi.ch: Wie verhindert man das?

Boris Nikitin: Das Problem ist doch: Das Zitat von Tucholsky stammt aus dem Zeitalter der Printmedien. Eine Zeitung wird gedruckt und in der Stadt verkauft, man kann die Adressaten relativ leicht einschätzen. Das ist heute einfach nicht mehr der Fall, heute findet jede Aussage potentiell vor einem globalen, kulturell diversen Publikum statt. Nach wenigen Sekunden ist eine Aussage aus dem Kontext gerissen.

barfi.ch: Aber vom Theater erwartet man praktisch, dass es inszeniert und laut ist. Warum darf es trotzdem mehr als andere?

Boris Nikitin: Es ist gerahmt. Kunst und Theater sind ein Feld, eine explizite Grauzone. Darin darf man fast alles, ohne dass es Konsequenzen hat. Sogar im Theater selbst hat das nur ganz selten Folgen.

barfi.ch: Reicht das? Muss man nicht auch sehr ehrlich sein?

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Boris Nikitin: Man kann auch einfach dazu stehen. In meinen Stücken, deswegen heissen sie auch «Imitation of life», «How to win friends and influence people» oder «Propagandastück» (Boris Nikitin: Martin Luther Propagandastück, So 9. April, 19:00 Uhr, ROXY Birsfelden) versuche ich immer anzudeuten, dass es in dieser Kunst durchaus reale Elemente gibt. Gregor Gysi hat das an den Dokumentartagen 2013 sehr gut gezeigt, wie er die politische Rede auseinandergepflückt hat, immer mit einem satirischen Element. Das Publikum lag ihm zu Füssen.

barfi.ch: Auch nachdem er offengelegt hat, was er eigentlich tut?

Boris Nikitin: Ja! Ich liebe das! Ich freue mich immer über einen guten Betrug. Wenn ich dazu eingeladen bin, wenn ich auch immer irgendwie weiss, dass es sich um einen Betrug handelt. Ich liebe es, wenn mir im Laden etwas aufgeschwatzt wird. 

barfi.ch: Obwohl du das Spiel durchschaust?

Boris Nikitin: Vielleicht sogar weil ich es durchschaue. Ein guter Flirt, eine gekonnte Verführung, das ist eine Kunst. Man weiss ja, dass es sich um ein Spiel handelt, man ist ja nicht dumm, man weiss, dass man um den Finger gewickelt wird.

barfi.ch: Warum läuft das dann so aus dem Ruder?

Boris Nikitin: Es gibt all diese Durchlauferhitzer, einen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit. Dafür muss man pointiert sein. Erstmal ist es egal, was eigentlich die Agenda ist. Die Leute müssen dir zuhören. Das ist das Prinzip Trump: Hauptsache, du wirst gehört (Robert Pfaller: Weisse Lügen, schwarze Wahrheiten; Fr 7. April, 19:30 Uhr, Kaserne). Was ist die Politik von Provokation, Verzerrung, der Verschiebung der Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion? Was ist Wirklichkeit, was ist die Realität (Dirk Baeker: Was ist nochmal Wirklichkeit? Mi 5. April, 19:00 Uhr, Kaserne)? Die tatsächlichen Reaktionen sind dann ebenso heftig.

barfi.ch: Heisst es deswegen «It’s the real thing»?

Boris Nikitin: Das war von anfang an die Grundfrage, eigentlich stelle ich sie mir seit 2007, als ich begann, Stücke zu inszenieren. Ich wollte schon immer Theater mit einem dokumentarischen Bezug machen. Wie funktionieren das Dokumentarische und Propaganda zusammen? Weil Propaganda behauptet ja auch immer von sich selbst, sie sei dokumentarisch. Woher weiss man nun, ob ein linksliberaler, intelektueller Künstler, der dokumentarische Kunst macht, nicht Propanganda betreibt? Der Titel des Festivals ist zum Bespiel ein Werbespruch von Coca Cola.

barfi.ch: Und er bewahrheitet sich in dieser Ausgabe auch erst so richtig.

Boris Nikitin: Der ganze Diskurs bewahrheitet sich momentan. Das Thema ist nicht neu, die Vermischung von Fiktion und Realität gab es schon vor zwanzig Jahren. Stichwort Reality TV: Über Big Brother haben wir alle gelacht, und jetzt sind wir alle zusammen in diesem Container. Das ist doch irr! Und wir sind genau so hysterisch. Jeder kleine Streit wird sofort ideologisch.

barfi.ch: Ein konstanter Zustand leichter Erregung.

Boris Nikitin: Das hat viel mit dieser Kultur der Polemisierung zu tun. Ich versuche, das ein wenig aufzuspannen, dass man auf verschiedenen Ebenen darüber nachdenken kann. Sich unterhalten lassen, um dabei ernsthaft darüber nachzudenken. Ein Stück wie Oliver Zahn und Julian Warners «Situation mit Doppelgänger» (So 9. April, 17:00 Uhr, Kaserne) ist sehr analytisch. Dagegen eine Gruppe wie Monster Truck (Sa 8. April, 21:00 Uhr, Kaserne) ist einfach brachial, krasse Bilder, schwarzweiss, aber immer mit einem hohen Bewusstsein, was es auslöst. Ein riskantes Stück. Laura de Weck, eine tolle Performerin, die sich damit auseinandersetzt, wie sich der politische Wahlkampf zu einem Medienspektakel gewandelt hat (Do 6. April, 20:30 Uhr, Kaserne). 

barfi.ch: Wie wird man gehört, ohne selbst lauter zu werden?

Boris Nikitin: Ich fand von Anfang an, man muss aufpassen. Ich finde das auch auf der Bühne problematisch, wenn da erzählt wird, ich zeige euch nun die Wirklichkeit.

barfi.ch: Aber das Theaterpublikum geht ja auch mit einer gewissen Bereitschaft da hin. Es kennt die Regeln.

Boris Nikitin: Wie finde ich ein Publikum? Wer ist überhaupt mein Publikum? Von dieser Kultur der Aufmerksamkeit wieder wegzukommen, ist wahnsinnig schwierig. Ein gutes Beispiel ist Kim Nobles «You are not alone» (Do 6. April, 19:00 Uhr, ROXY Birsfelden): Er hat über mehrere Monate seine Umgebung beobachtet, hat sich auf Inserate gemeldet und hingekritzelte Telefonnummern im Klo angerufen, hat auf Spam-Mails geantwortet und geschaut, was passiert.

barfi.ch: Also die Leute, die solche Aufrufe starten, rechnen gar nicht damit, dass sich darauf jemand meldet?

Boris Nikitin: Genau. Schräge Begegnungen, immer ein Desaster. Er macht das Angedeutete zur Realität. Das ist wirklich dokumentarisch und zugleich sehr berührend und zärtlich. Noble ist ein melancholischer Mensch, und trotzdem so provokativ.

barfi.ch: Und kommt man jetzt weg von dieser Hysterie? Slow Food? Achtsamkeitsmeditation?

Boris Nikitin: Ich habe kein Smartphone. Abends kein Internet, kein Fernsehen, nichts. Und ich habe gemerkt: Ich verpasse nichts, ich fühle mich abends wieder zu Hause (MedingScheerTibbe: An Tagen wie diesen wünscht man sich Befindlichkeit; Fr 7. April, 22:00 Uhr, EG Lounge). Ich habe mein Büro nicht mehr dabei. Durch das permanente Vernetztsein schleppt man alles permanent mit sich herum. Wenn ich die Mails nicht gleich sehe, dann ist das am Ende doch okay. Mehr noch, vieles erledigt sich von alleine. Jeder Ort sollte für eine bestimmte Sorge bestimmt sein und E-Mails, das sind die Sorgen anderer. Warum sollte ich die nach Hause nehmen? Ich kann das nicht permanent, mag nicht dauernd auf etwas reagieren.

barfi.ch: Man ist in diesen Kommunikationsformen auch immer etwas zu spät, ein wenig zu langsam.

Boris Nikitin: Gerade wenn es um politische Diskussionen geht, reibt man sich so wahnsinnig an allem auf. Es ist wie die Reaktion eines Babys, das schreit, wenn die Mutter aus dem Raum geht, weil es noch nicht gelernt hat, dass sie wieder zurückkommt. Das Internet ist ein zeitloser Raum, wir sind aber physische Wesen, die Zeit brauchen. Kunst ist so etwas, wo man einen definierten Input hat, der in einem bestimmten Rahmen stattfindet. Man kann sich aufrütteln lassen und es später in Ruhe verarbeiten.

Das Programm von «It's The Real Thing 13 - Basler Dokumentartage» finden Sie hier.