Basler Anlaufstellen müssen sich zunehmend um mehr psychisch erkrankte Menschen auf der Gasse kümmern. Symbolbild: Keystone
Basler Anlaufstellen müssen sich zunehmend um mehr psychisch erkrankte Menschen auf der Gasse kümmern. Symbolbild: Keystone
  • Andy Strässle

Anlaufstellen am Anschlag: Psychische Krankheiten auf der Basler Gasse nehmen zu

Stadtoriginale gehen in Ordnung. Sie werden toleriert, solange sie nicht allzu stark auffallen. Für niederschwellige Anlaufstellen werden aber zunehmend psychische Krankheiten der Betroffenen zum Problem.

Da ist die ältere Dame mit dem Kassettenrekorder und dem Tutu. Oft sucht sie sich am Abend in der Steinen ein Plätzchen, um dort einen seltsamen Tanz aufzuführen. Woher sie kommt, wohin sie geht? Das weiss niemand so genau. Bei den Gassenarbeitern vom Schwarzen Peter sind ungefähr 400 Leute angemeldet. Sie alle brauchen die Adresse des Vereins, um für die Post erreichbar zu sein. Am Barfi verkauft regelmässig ein älterer Mann seine Orangen. Friedlich zieht er durch die Stadt. Wo er schläft ist allerdings nicht ganz klar. Mit etwas Pech schreit einen abends ein jüngerer Mann an, wenn man aufs Tram wartet, weil er meint, man beschmutze den Basler Asphalt. Er ist dann betrunken, möchte eigentlich Kontakt aufnehmen, aber gleichzeitig ist er nicht mehr zu verstehen.

Mehr Depressionen oder Verfolgungsängste

Das Verhältnis zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Problemen sei wie die Frage, was zuerst gewesen sei, das Huhn oder das Ei, schreiben die Gassenarbeiter in ihrem neuen Magazin «Peter». Die Organisation habe festgestellt, dass niederschwellige Institutionen immer mehr unter Druck gerieten: «Viele Mitarbeitende haben den Eindruck, dass die KlientInnen immer häufiger unter psychischen Problemen wie Depressionen, Verfolgungsängsten oder akuten Psychosen leiden». Oft sei bei den Klienten auch nach einem Klinikaufenthalt keine Verbesserung spürbar. 

Dabei seien Gassenküche, Frauenoase, Notschlafstelle und das Tageshaus Wallstrasse doch alles Institutionen, die sich durch «hohe Akzeptanz für schräge Leute mit krummen Biografien» auszeichnen würden. Schwierig würde es allerdings, wenn ein Alltag nicht mehr lebbar sei. Dann, wenn einzelne Klienten wegen einer akuten psychischen Krise laut oder aggressiv würden, sie Besucher oder Betreuer beschimpfen oder beleidigen oder gar mit Gewalt drohen würden. Verändert habe sich die Situation durch die Anpassung des Erwachsenenschutzgesetzes vor vier Jahren sagt Michel Steiner. Dieses Gesetz sei eine gute Sache, da es sehr schwer sei, jemanden gegen seinen Willen in die Psychiatrie einzuweisen.

Ausgerastet

«Bei Klienten mit wenig Krankheitseinsicht kann das aber dann halt auch eskalieren da sie lange unbehandelt bleiben», sagt der Gassenarbeiter. Im neuen «Peter» ist der Fall des Kaminfegers Sany geschildert. Er sei mit 15 Jahren als Autist diagnostiziert worden. Der heute 54-jährige hat es nie geschafft, sich anzupassen. Immer wieder Schwierigkeiten mit Behörden und Geldprobleme. Seine glücklichste Zeit erlebte er in einem Wohnwagen. Da habe er sogar den Autismus vergessen. Auch in Rumänien gefällt es Sany, weil er dort günstig leben kann. Zur Behandlung von Herzproblemen kehrte er in die Schweiz zurück. Auf der Sozialhilfe rastete er schliesslich aus. Setzte sich mit einem Messer vor den Eingang, weil die Sachbearbeiterin nicht verstanden hatte, dass man für Schwarzarbeit keine Lohnabrechnung bekomme.

Für Sany ist es schwierig, andere Leute zu deuten. Seit dem Verlust des Wohnwagens hat er keine feste Bleibe mehr. «Eine andere Schwierigkeit ist, dass ich kein Autist bin, der für sich in der Ecke hockt. Ich passe mich einigermassen an, deshalb merkt man mir auch kaum etwas an. Ich verstehe Körpersprache nicht, ich muss mir die nonverbale Kommunikation zusammenreimen. Das ist anstrengend. Auch, dass ich nicht filtern kann, was um mich herum geschieht.» Sany ist skeptisch gegenüber der Behandlung mit Psychopharmaka. Er will etwa kein Ritalin nehmen. Das Medikament würde seine Symptome vielleicht mildern, aber die Wirkung ist ihm zu unsicher.

Ängste nicht mehr ausgehalten

Eine andere Geschichte ist jene der 49-jährigen Susanna, die seit der Kindheit unter Ängsten leidet. Sie schreibt: «Es sind zuhause heftige Sachen vorgefallen – sexueller Missbrauch. Auch habe ich wiederkehrende Depressionen, die bringt man nicht weg. Mit Tabletten geht’s, aber sobald ich sie absetze, sehe ich wieder alles nur schwarz, ein völliger Weltuntergang.» Susanna ist nicht obdachlos. Allerdings will sie sich nicht zu sehr zurückziehen. «Vor sechs Jahren starb mein Hündchen, ich war völlig alleine.» Ähnlich wie Sany sucht sie auf der Gasse Kontakte zu anderen Menschen. Es erschrecke sie, wie Drogen- und Alkoholkonsum und Aggressionen zunähmen. Ihr selbst hätten auch Klinikaufenthalte nicht weitergeholfen: «Stationär war ich auch schon in der Psychiatrie, wenn ich die Ängste nicht mehr ausgehalten habe. Hilfreich war es nicht wirklich, es gab ja trotzdem keinen Ausweg und ich habe dort nicht gelernt, mit meiner Krankheit umzugehen.» 

Für Michel Steiner ist klar, dass nicht alle Menschen in irgendwelchen Institutionen verkehren oder dort bleiben wollen. Es würde immer welche geben, die im Wald schlafen oder am Claraplatz rumhängen würden. Deswegen sei es wichtig, einen Umgang mit psychischen Krisen zu finden. Der Sozialarbeiter denkt da etwa an «ambulante psychiatrische Angebote», die etwa niederschwellige Institutionen unterstützen könnten. «Es kann nicht sein, dass wir nur mit Hausverboten oder dem Rufen der Polizei reagieren können. Denn das ist eigentlich kontraproduktiv», sagt Steiner. Denn im Umgang mit psychischen Problemen sei die Mitarbeiter oft hilflos. «Klar, wir versuchen auf der Beziehungsebene etwas zu erreichen, die Situation zu entschärfen oder den Klienten in Behandlung zu schicken. Aber das funktioniert je nach Schwere der Krise nicht immer». 

Situation könnte sich verschärfen

Klar ebenfalls, dass die Situation auf der Gasse nicht einfacher werde. Anfangs 2018 wird das Finanzierungsmodell für die stationäre Psychiatrie geändert. Dadurch werden Patienten nur noch acht Tage lang unterstützt. Nach Ablauf der Frist verlieren die Kliniken Geld. «Dann werden die Menschen einfach auf die Strasse gestellt», sagt Steiner. Damit könnte sich die Situation zusätzlich verschärfen. Der Schwarze Peter will zusammen mit den anderen Anlaufstellen versuchen, nach Lösungen zu finden. Leicht dürfte es nicht werden: Die Betroffenen werden schon jetzt nur allzugerne vergessen.