Begegnung mit der Vergangenheit: Die Baslerin Rosemarie Rhyiner ist über neun Generationen hinweg mit der Barfüssermumie verwandt. Bild: Keystone.
Begegnung mit der Vergangenheit: Die Baslerin Rosemarie Rhyiner ist über neun Generationen hinweg mit der Barfüssermumie verwandt. Bild: Keystone.
  • Andy Strässle
  • Aktualisiert am

Barfüssermumie: Viel Rummel um eine Basler Pfarrersfrau mit Syphillis

«Weltweit einmalig» sei der Durchbruch, der dem Basler Naturhistorischen Museum gelungen sei. Mit viel Geduld enträtselten die Forscher die Identität einer bei der Barfüsserkirche gefundenen Mumie.

Museumsdirektor Basil Thüring ist heute Morgen an der Medienkonferenz stolz: «Wir haben eine grosse Geschichte geschaffen». Das Naturhistorische Museum sei nicht nur ein Ausstellungshaus, sondern diene auch der «Forschung am Objekt». In diesem Fall ist das die vor 42 Jahren zum zweiten Mal ausgegrabene Mumie der «Dame von der Barfüsserkirche». Ausschlag zum Projekt, an dem vierzig Forscher in den letzten zwei Jahren versucht hatten, die Identität der 1.40 Meter grossen Frau zu ergründen, gab eine Sonderausstellung mit dem Thema Mumien. Im Naturhistorischen Museum ist Gerhard Hotz der Mann für solche Fälle.

Der Anthropologe hat schon mit den Überresten von «Theo dem Pfeifenraucher» für Furore gesorgt. Hier ergründeten Forscher die Biografie eines um 1800 gestorbenen Handwerkers aus dem Kleinbasel, der eben Pfeife geraucht hatte. Bei der «Mumie» wollte man es noch genauer wissen. Grund dafür ist, dass ein Grab bei der Barfüsserkirche «20 Silberlinge» kostete und es sich im Todesjahr der Mumie 1787 nur gut Betuchte diesen Begräbnisort leisten konnten.

Heute konnte Gerhard Hotz vor rund zwei Dutzend Medienvertretern bekanntgeben, dass man in mühseliger Kleinarbeit die Identität der Pfarrersfrau genau habe eruieren können. Anna Catharina Bischoff war 1719 in Strassburg geboren und 1787 in Basel gestorben. Sieben Kinder habe sie zur Welt gebracht, nur zwei davon hätten allerdings überlebt. Die Pfarrersfrau sei mit dem Drucker Froben verwandt gewesen und entfernt sogar mit dem britischen Aussenminister Boris Johnson. Da bei der Forschung mit genetischem Material vor allem die DNA der Mutter aussagekräftig ist, könnte es allerdings sein, dass mancher mit Johnson verwandt ist, wenn man nur weit genug zurückgeht.

Kommissar Zufall am Werk

Damit wären wir beim Ötzi-Experten Albert Zink, der in Bozen mit seinem Team die DNA aus dem grossen Zeh der Mumie isoliert. Die Pfarrersfrau war auch eine Pfarrerstochter und dank dem Basler Bürgerforschungsprojekt können die Forscher die Biografie von Anna Catharina Bischoff ziemlich genau rekonstruieren. Weltweit sei es erstmals gelungen, die Identität einer Mumie so genau nachzuweisen, sagt Gerhard Hotz. An der Medienkonferenz fällt das Wort «Zufall» und «Glück» auch einige Male, so war eine Schwierigkeit, dass es nicht viel historisches Material zur Barfüsserkirche im Staatsarchiv zu finden ist und auch den Datenschutz habe man berücksichtigen müssen.

Anna Catharina Bischoff, die mit 19 Jahren den reformierten Pfarrer Lucas Gernler heiratet, der in Wolfisheim in der Nähe von Strassburg die Kirchgemeinde leitete, wie es schon ihr Vater getan hatte. Vorher hatte sie fünf Jahre in Basel gewohnt und sollte schliesslich – nach 43 Jahren Ehe – als Witwe wieder ans Rheinknie zurückkehren. In dieser Zeit hat sich die Pfarrersfrau bei der Pflege von Kranken mit der Syphilis angesteckt. Die Behandlung mit Quecksilber führte schliesslich zu ihrer Mumifizierung und dazu, dass die Forscher am Rheinknie jetzt ihr Leben und ihren Alltag weiter rekonstruieren werden.

Begegnung mit der Vergangenheit

Heute Morgen hatte das Naturhistorische Museum eine weitere Überraschung bereit: An der Medienkonferenz trat Rosemarie Rhyiner aus Basel auf. Die alte Dame ist in der Genealogie neun Generationen von Anna Catharina Bischoff entfernt. Die geschichtsbegeisterte 80-jährige Baslerin teilt den Enthusiasmus der Forscher für die Basler Geschichte. Eine nette Anekdote ist, dass sie sagt, sie sei ganz erstaunt gewesen, als man auf sie zu gekommen sei. Denn eigentlich fänden sich «Pfärrer» eher in der Familie ihres Mannes. Gerhard Hotz macht sich nun daran, den Alltag von Anna Catharina Bischoff weiter zu erforschen. Es soll ein Buch zur Barfüssermumie geben. Denn schon das Projekt um Theo den Pfeifenraucher sei ein grosser Erfolg gewesen.

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