Bild: Juri Weiss/bs.ch
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  • Jonas Egli
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Basel: hervorragende Transplantationsmedizin, doch zu wenig Organe. Helfen Spender vor ihrem Freitod?

Die Spitäler ringen um Spendeorgane. Der Bedarf steigt stetig, die Spenden verharren aber auf tiefem Niveau. Verzweifelt werden deshalb neue Wege gesucht. Ein grosse Hoffnung wären Spender nach ihrem begleiteten Freitod. Ausgerechnet Menschen, die das eigene Leben nicht mehr zu tragen vermögen, können - oder könnten - das von schwerkranken, lebenshungrigen Patienten retten. Ethisch und medizinisch eine enorme Herausforderung. Doch es ist Zeit, sich ihr zu stellen. 

In der Schweiz darf ein urteilsfähiger Mensch selber bestimmen, ob nach seinem oder ihrem Tod Organe entnommen werden können. Ebenso, dass er oder sie unter bestimmten Bedingungen begleitet aus dem Leben scheiden darf. Die Idee, beides zu verbinden, liegt deswegen auf der Hand. Das Potential wäre vorhanden, auch die gesetzliche Grundlage. Doch bis heute ist dieser Weg weitgehend ein Tabuthema.Das muss sich ändern.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Franziska Beyeler, Head of National Transplant Coordination bei Swisstransplant vermeldet barfi.ch: «Heute (09.05.2017) warten 82 Patienten mit Wohnkanton BS und BL auf ein Organ, davon 67 Nierenempfänger.» Laut Muriel Düby, Mitarbeiterin Kommunikation bei der Sterbehilfeorganisation EXIT, waren es in den beiden Basel 54 Freitodbegleitungen im letzten Jahr alleine in ihrer Organisation. 

Alles wäre bereit, fehlt nur ein Organ. Bild: Keystone

Alarmierend: Die Spenderzahlen sind laut Swisstransplant gesamtschweizerisch (ausgenommen Lebendspender) im letzten Jahr um fast einen Viertel gesunken. Für eine Niere muss sich ein Empfänger im Durchschnitt fast drei Jahre gedulden, es ist mit Abstand die längste Wartezeit. Aber gerade auch hier, auf dem Gebiet der Nierentransplantation hat das Unispital Basel mit seiner Klinik für Nephrologie und Transplantationsimmunologie national, wie international eine Vorreiterrolle inne. Gleichzeitig ist beim begleiteten Suizid eine kontinuierliche Steigerung zu beobachten, wie das Bundesamt für Statistik festhält. Gesamtschweizerisch stieg die Zahl im Jahr 2014 um erschreckende 26% an.

Der Hindernisse gibt es viele

Dem Tagesanzeiger sagt Prof. Jürg Steiger, Chefarzt für Nephrologie und Transplantationsimmunologie am Universitätsspital Basel, er sähe grundsätzlich keine ethischen Einwände, wenn der Entscheid dazu «frei und korrekt» gefällt wurde. Dem gegenüber stehen aber eine Reihe logistischer Hürden: Die Patienten müssen ihren Wunsch zur Spende selbst vorbringen, weder die Spitäler noch die Sterbehilfeorganisationen weisen sie darauf hin. Zudem müssten die Patienten bereit sein, im Spital zu sterben. Dies wollen nur wenige. Und der begleitete Suizid wird von den Schweizer Transplantationszentren auch praktisch nicht angeboten. Ein anderes Problem ist, dass ein assistierter Suizid als «aussergewöhnlicher Todesfall» klassifiziert wird, der zwingend eine polizeiliche Untersuchung nach sich zieht. Diese kann Stunden dauern und danach ist es für die Operation zu spät.

Hier möchte niemand sterben. Bild: Keystone

Die Richtlinien sind zu eng gefasst

Jürg Steiger ist Präsident der Ethikkomission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), welche die Richtlinien des SAMW zur ärztlichen Suizidhilfe ausgearbeitet hat. Diese sind strenger ausgelegt als die Rechtssprechung des Bundes: Sie beziehen sich ausschliesslich auf die «Betreuung von Patientinnen und Patienten am Lebensende», und genau das ist beim assistierten Suizid oft nicht gegeben. Diese Beschränkungen stammen aus dem Jahre 2004, und bereits damals wurden sie kritisiert.

Seltenes Gut Spendeorgan. Hier ein Herz. Bild: Keystone

Geheimhaltung und Stagnation seit Jahren, trotz wachsender Bereitschaft auf Ärzteseite 

Im Zusammenhang mit der Organspende sollten diese Richtlinien neu diskutiert werden, sagt Steiger. Doch wirklich neu ist die Idee keineswegs, 2005 hat es in Belgien den ersten Fall von Organspende nach aktiver Sterbehilfe gegeben. Seither ist leider nicht viel passiert. Der Fall selbst, obwohl richtungsweisend, wurde über Jahre geheimgehalten und selbst der zitierte Zeitungsbericht hält fest: «Danach erscheinen wenige Artikel in deutschen Ärztezeitschriften – Publikumsmedien greifen die Hinweise aber nicht auf.» Trotz der gesetzlichen Möglichkeit wird hierzulande vom Recht der Organspende nach begleitetem Suizid kein Gebrauch gemacht. Deswegen ist es umso wichtiger, die Diskussion nicht abbrechen zu lassen. Einige Ärzte wären durchaus bereit, ihren Patienten diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

Der Organspendeausweis ist und bleibt der wichtigste Weg, den Spendewunsch festzuhalten. Bild: Keystone

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