Claudius «Sky Bird» Scholer, 1988.
Claudius «Sky Bird» Scholer, 1988.
  • Christian Platz (Text), Nicole Zachmann (Fotos)
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Claudius «Sky Bird» Scholer: Abschied von einem bedeutenden Basler Entwicklungshelfer und Rockmusiker

Claudius Scholer (1965 – 2018) war einer der bemerkenswertesten Basler Gitarristen und Songwriter seiner Generation. Unter dem Künstlernamen Sky Bird hatte er in den späten 1980-iger Jahren schweizweit massiven Erfolg, man hatte den Eindruck, dass er unmittelbar vor einer grossen Karriere stand. Kurz darauf ist er plötzlich – aus innerem Antrieb – zum Roten Kreuz (IKRK) gegangen, hat in vielen Ländern riskante Krisen- und Hilfseinsätze geleistet. Gestern ist er in Ruanda gestorben.

Schon als junger Teenager war Claudius Scholer ein bemerkenswerter Gitarrist. Man kannte ihn und seine Fender Telecaster in der Basler Rockszene. Flüssig, schneidend, kraftvoll – und mit jener erstaunlichen Leichtigkeit, die zu seinem liebenswerten Naturell gehörte – konnte er Rock’n’Roll- und Rockabilly-Läufe aus dem Verstärker zaubern, die aufhorchen liessen. Wenn er spielte, zollten ihm auch weitaus ältere und erfahrenere Musiker sofort Respekt. Bald schon war er Lead-Gitarrist der Basler Band «Baboons», die einen ureigenen Sound aus Elementen des Psychedelic Rock sowie vielen anderen Einflüssen schuf, der das damalige Rock-Publikum in der ganzen Schweiz mitriss und in seinen Bann zog.

Legende der Basler Rockgeschichte

In Basel füllte die Band ohne Anstrengung den grossen Saal der Kaserne oder das Atlantis, auch in anderen Schweizer Städten und im benachbarten Deutschland kam sie beim Publikum sehr gut an. 1985 erschien auf dem Zürcher Label «Boy» eine LP des Quintetts (nebst Scholer bestand es aus der charismatischen Sängerin Astrid Wirminghaus, dem Bassisten Fidel Peugeot, dem Drummer Christian Wessendorf sowie dessen Bruder Stephan Wessendorf am Saxophon und an der Rhythmusgitarre).

Diese LP ist noch heute unter Raritätensammlern begehrt. Das grossartige letzte Konzert der Band in der Kaserne ist zu einer Legende der Basler Rockgeschichte geworden.

Sky Bird and the Fish of Hope

Kurz darauf erfand Claudius Scholer ein neues Format für seine Musik- und Songwriter-Kunst, dabei erwies er sich auf seinem Feld als eine der grössten Schweizer Begabungen jener Zeit. Dieses Projekt trug den Namen Sky Bird and the Fish of Hope. Dessen erste Platte wurde 1988 sofort von den Radiosendern aufgegriffen, auch die beiden nachfolgenden Produktionen, die er mit wechselnden Begleitmusikern einspielte, sind bei Medien und Publikum überaus gut angekommen.

Scholer erfand für Sky Bird eine ureigene Mischung aus Country Rock, Chanson und eigenwilligem Pop, er war «Indie», bevor es dieses Genre überhaupt gab. Sky Bird sang englisch und französisch.

Der Geist der späten Eighties

Er traf den Geist der späten Eighties mit traumhafter Sicherheit, er mischte frisch und frech europäische und US-amerikanische Einflüsse, gemahnte manchmal an Tom Waits, manchmal an Brassens, dann wieder an Jeff Buckley oder den Gitarrenvirtuosen Eugene Chadbourne. All diese Einflüsse konnte er zu einer zwingenden Melange zusammenkochen. Anfangs der 1990-iger Jahre erreichte Sky Bird eine Popularität, die damals nur mit jener von Stephan Eicher zu vergleichen war. Er hatte – oberflächlich betrachtet – eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem Künstler, doch seine Songs waren rauer, unverblümter, von einer Sensibilität für das Absurde durchwoben – zudem atmeten sie immer den Geist des klassischen Rock’n’Roll. Auf youtube kann man die Songs alle anhören. Lieder wie «Babette», eine Hymne an eine Lady, die man auf der Basler Szene bestens kannte, liefen damals sehr häufig auf DRS 3.  

Alle spürten es, hier ist einer am Werk, der das Zeug dazu hat, ein Schweizer Star zu werden, in der Dimension von Eicher, von Yello und ganz wenigen anderen.

Erstaunliche Wende

Doch 1993 erfuhr das Leben des Sky Bird eine erstaunliche Wendung. Er hatte Philosophie und Sozialpädagogik studiert und gerade damit begonnen, sich in Zürich einen Namen als Werbestratege zu machen. Doch dann nahm der Basler plötzlich eine Stelle beim Internationalen Roten Kreuz (IKRK) an. Und die Entwicklungshilfe wurde von nun an seine Domäne. 

Friedenshelden

In dieser Funktion arbeitete er als Delegierter in vielen Konfliktgebieten, er war in Bosnien, Liberia, Ruanda, erlebte dort unbeschreiblich entsetzliche Dinge, verlor darüber jedoch nie seine optimistische, freundliche Haltung den Menschen und der Welt gegenüber. Er war einer jener vielen engagierten Schweizer, jener Friedenshelden, die in humanitärer Mission weltweit Menschen in Not helfen.

In Basel sah man ihn nur noch manchmal, vor allem an der Fasnacht, in seinem roten Kostüm marschierte er als Tambour durch die Strassen und Gassen der Stadt, er liebte die drey scheenschte Dääg aus ganzem Herzen, seit seiner frühesten Jugend.

Tsunami: Missionschef

2004 verschlug es ihn als Missionschef der Schweizer Caritas nach Indonesien, wo er sich um die Opfer des Tsunami kümmerte. Kurz darauf kehrte er wieder zum Roten Kreuz zurück, arbeitete lange und intensiv in Afrika. Ab 2015 war er Regionalverantwortlicher des Österreichischen Roten Kreuzes für Ostafrika, Ruanda; Äthiopien, Südsudan, Uganda, Eritrea gehörten zu seinem Wirkungsfeld. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebte er in Kigali.

Sky Bird 2013 im Helsinki, Zürich.

Afrikanische Musik

Dort entdeckte er in den 2010-er Jahren die Musik wieder. 2013 gab Sky Bird plötzlich ein Comeback-Konzert im Zürcher Club Helsinki. Seine neuen Songs waren von zeitgenössischen afrikanischen Klängen inspiriert, bei denen elektrische Gitarren bekanntlich auch eine grosse Rolle spielen. 2016 veröffentlichte er eine neue CD. Unter dem Namen Mr. Skybird Claudius Senior. Sie hiess «The Kimihurura Tapes», brachte eine phantastische, taufrische Melange aus sattem Country Rock und zeitgenössischer afrikanischer Musik in unsere Gehörgänge, aufgenommen in Kigali, mit afrikanischen Musikern.

Aus heiterem Himmel

Gestern erreichte uns dann jene Nachricht, die uns wie ein Schlag getroffen hat, uns schockierte, uns fassungslos und tief traurig zurückliess: Claudius Scholer ist tot. Mr. Skybird ist in Afrika gestorben, aus heiterem Himmel, an einem Herzinfarkt. Am 17. April 2018 wäre er 53 Jahre alt geworden. Wir trauern um einen aussergewöhnlichen Bürger unserer Stadt, einen grossen Entwicklungshelfer, einen grossartigen Musiker. Seiner Familie entbieten wir unser tief empfundenes Beileid. Bye Bye Sky Bird! Adieu Claudius!