Die Fachstelle Frauenmigration und Frauenhandel schlägt Alarm: Die Fälle von Menschenhandel nehmen weiter zu. Bild & Montage: Alena und Mira Lachmann
Die Fachstelle Frauenmigration und Frauenhandel schlägt Alarm: Die Fälle von Menschenhandel nehmen weiter zu. Bild & Montage: Alena und Mira Lachmann
  • Andy Strässle
  • Aktualisiert am

Ein grosses, dunkles Feld: Frauenhandel in Basel

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ schlägt Alarm. Die Fälle von Frauenhandel nähmen weiter zu. Dabei bleibe die Dunkelziffer weiter hoch. In Basel-Stadt ist sich die Polizei der Thematik bewusst.

Eingesperrt, vergewaltigt, übers Meer verschleppt in Italien zur Prostitution gezwungen, am Ende in der Schweiz stehengelassen. Die Geschichte der Malierin Lia ist kein Einzelfall. Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) sagt: «Es gibt ein grosses Dunkelfeld beim Frauenhandel, meist sind die Frauen sehr stark traumatisiert und getrauen sich nicht, sich zu wehren oder Hilfe zu suchen». Die Fachstelle arbeitet mit verschiedenen Kantonen zusammen und versucht den Opferschutz sicherzustellen. Als Partner von Basel-Stadt sind der Fachstelle FIZ zehn Fälle bekannt. Es komme aber immer darauf an, ob die Behörden aktiv ermitteln würden. So zeigt die Statistik des FIZ, dass in Zürich 55 Fälle bekannt wurden, in Bern 10 und in Basel sechs Fälle. In Genf ist nur gerade ein Fall bekannt.

Schwierige Beweisführung

In Basel sagt Polizeisprecher Toprak Yerguz, dass es um die Frauen zu schützen, den «runden Tisch Prostitution» und den «runden Tisch Menschenhandel» gebe. «Sexarbeit» solle nicht mit Zwangsprostitution und Menschenhandel gleichgesetzt werden. Auch Rebecca Angelini ist vorsichtig, sie erklärt: «Wie viele Fälle von Menschen- und Frauenhandel es in der Schweiz gibt, kann niemand sagen.» Ausbeutung könne es ja nicht nur im Sexgewerbe geben, sondern auch auf dem Bau, der Landwirtschaft oder im Haushalt. Wegen des meist ungeklärten Aufenthaltsstatus werden nur sehr wenige Fälle bekannt. «Es kommt darauf an, ob die Polizei in den Kantonen auf solche Fälle sensibilisiert ist, oder ob sie einfach darauf aus ist, die Frauen zu büssen und auszuschaffen». Die Aufklärung solcher Fälle sei aufwändig. Dies bestätigt Toprak Yerguz: «Grundsätzlich lässt sich sagen: Strafverfahren wegen Menschenhandels und Förderung der Prostitution sind komplex, personal- sowie zeitintensiv und enden bedauerlicherweise oft ergebnislos: Angesichts der geringen Aussage- und Kooperationsbereitschaft der Opfer gestaltet sich die Beweisführung als äusserst schwierig».

Brutales Verbrechen, traumatisierte Opfer

Auf der anderen Seite ist der Frauenhandel ein brutales Verbrechen. Schlepper und ganze Verbrechernetzwerke nutzen die Not von Flüchtlingen aus und beuten diese gnadenlos und ohne Skrupel aus. Im Auftrag der Vertragskantone betreut das FIZ die Frauen bis hin zum Verfahren und unterstützt sie anschliessend entweder bei der Rückkehr in die Heimat oder der integration. «Dass die Frauen gegen die Täter aussagen, ist zentral, nur dann kann ein Prozess geführt werden», sagt Rebbecca Angelini. Die Opfer seien oft in einer «sehr prekären Situation. Unser Hauptinteresse ist der Schutz der Frauen.»

Die Basler Polizei verfüge mit der «Spezialfahndung Millieu» über Spezialisten, die sich mit 3,5 Vollzeitstellen um die Problematik kümmern würden. Dennoch seien die Ermittlungen schwierig, sagt Yerguz und stellt klar: «Die Mitarbeiter des Fahndungsdienstes sind oft nicht sicher, ob die Frauen ihre Dienstleistungen freiwillig anbieten und suchen – meist erfolglos – das Gespräch. Teilweise öffnen sich die Frauen gegenüber der Beratungsstelle Aliena. Viele Frauen machen aus Angst vor ihren Zuhältern aber keine Aussagen. Eine Zunahme der sich unfreiwillig in der Prostitution betätigenden Sexarbeiterinnen kann nicht eindeutig festgestellt werden. Dies könnte aber auch auf die – aus vorerwähnten Gründen – mangelnde Aussagebereitschaft zurückzuführen sein». 

Prekäre Situation gnadenlos ausgenutzt

Der Schutz der Frauen sei meist nicht einfach. «Die Täter nutzen die prekäre Situation gnadenlos aus und etwa bei den Dublin-Fällen haben wir nicht einmal Zeit abzuklären, wo die Frau ausgebeutet wurde.» Dies sei manchmal zermürbend, sagt Rebecca Angelini. Schwierig für die Opfer sei auch, dass die Handhabung der Fälle von Kanton zu Kanton variiere. In Basel-Stadt wird in diesem Bereich allerdings nicht durchgegriffen. Toprak Yerguz stellt klar: «Da mutmassliche Opfer von Menschenhandel oder Zwangsprostitution meist traumatisiert sind, gewährt ihnen das Migrationsamt eine Erholungs- und Bedenkzeit, während der die Person den Entscheid über die weitere Zusammenarbeit mit den Behörden treffen kann. Während dieser Zeitspanne wird von ausländerrechtlichen Vollzugshandlungen abgesehen».  

Sowohl Angelini als auch Yerguz betonen, dass die Verfahren gegen Menschenhandel komplex sowie personal- und zeitintensiv seien. Da oft internationale und interkantonale Rechtshilfe angefordert werden müsse, um die kriminellen Netzwerke ausheben zu können. Ein weiteres Hindernis seien die Opfer selbst. Yerguz: «Kann dennoch Anklage erhoben werden, sind die Opfer häufig nicht bereit, im Strafverfahren anwesend zu sein, womit die von Strafprozessordnung geforderte Konfrontation mit den Beschuldigten nicht durchgeführt werden kann».

Für Rebecca Angelini ist am Ende klar: «Die Identifizierung und er Schutz von Opfern von Menschenhandel ist in der Schweiz immer noch ungenügend. Die kantonalen Unterschiede sind immens, wenn ein Opfer nicht mit der Strafverfolgung kooperiert, muss es die Schweiz in der Regel umgehend verlassen». So oder so, dank Käntonligeist und fehlender Ressourcen wird der Menschen- und Frauenhandel ein grosses, sehr dunkles Feld bleiben.

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