Symbolbild Zollkontrolle Handelswaren. Bildquelle Zoll Basel.
Symbolbild Zollkontrolle Handelswaren. Bildquelle Zoll Basel.
  • Andy Strässle
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Europa macht dicht: Vom Albtraum des LKW-Fahrers zum teuren Spass in Basel

Europa liebäugelt damit die Grenzen dichtzumachen. Damit will man die Flüchtlingsströme dämmen. Die Verschärfung der Grenzkontrollen ist schon heute ein Schreckgespenst für LKW-Fahrer, noch mehr Verzögerungen könnten ganz schnell richtig teuer werden.

Für die Lastwagenchauffeure sei es schon jetzt ein Alptraum, sagt der Transportunternehmer. Dadurch, dass Frankreich, Deutschland und Österreich die Grenzkontrollen verschärft hätten, käme es immer wieder zu immer längeren Verzögerungen. Da die Schweiz mitten in Europa liegt, ist sie wirtschaftlich zu tiefst verflochten. Dazu verlassen sich Wirtschaft und Industrie immer mehr auf «Just-In-Time»-Lieferungen bei Ersatzteilen.

Die Sprecherin des Verbandes der Schweizer Spediteure und Logistiker erklärt auf Anfrage von barfi.ch: «Die Verschärfungen von Import- und Exportvorschriften in allen Ländern der Erde haben unsere Branche in den letzten 15 Jahren noch mehr zu einer wichtigen Dienstleistungsbranche zugunsten der herstellenden Industrie und des Handels gemacht. Gerade im Bereich ««safety & security»» haben die Vorschriften enorm zugenommen. Das heisst: es braucht dazu ein noch spezifischeres Know-How und die Abwicklung von grenzüberschreitenden Transporten ist definitiv viel anspruchsvoller geworden.» 

«Das Richtige kontrollieren»

Auf der Kostenseite schlügen im Moment zwar «nur» die Wartezeiten zu Buche. Aber auch bei den Verzollungen selbst habe eine Schliessung der Grenzen wirtschaftlich fatale Folgen. «Das wird teuer, richtig teuer», so der Unternehmer. Der Pressesprecher der Grenzwache Patrick Gantenbein sagt dazu: «Derzeit gibt es keine politische Absicht, die Kontrollen im Handelswarenverkehr zu verstärken.»

Tatsache ist, dass die Schweiz aufgrund ihrer zentralen Lage und der wirtschaftlichen Verflechtungen stark im internationalen Warenstrom eingebunden ist. Täglich überqueren über 750'000 Personen, 350'000 Fahrzeuge und 20‘000 Lastwagen die Schweizer Grenzen. Ziel des Zolls ist es zudem nicht, möglichst viel zu kontrollieren, sondern das Richtige. Wir wollen möglichst gezielt, das heisst gestützt auf Risiko- und Lageanalysen, intervenieren».

Wartezeiten kosten

Die Spediteure verstünden sich zwar als Partner der Zollbehörden, gleichzeitig könne der Verband aber bestätigen, dass die Wartezeiten und damit die Kosten weiter zunehmen würden: «Das ist auch unsere Wahrnehmung. Nicht nur die Überlastung unserer Infrastrukturen führt zu Stau, sondern zusätzlich auch die derzeit in Europa angewendeten verschärften Kontrollen. Längere Transportzeiten, ungenauere Planbarkeit der Logistikketten und Wartezeiten bedeuten Mehrkosten für die Auftraggeber (sprich für den Schweizer Aussenhandel).»

Dreissig Jahre waren die Grenzen im Europäischen Binnenland jetzt offen. 26 Länder verzichteten auf die Grenzkontrollen. Das führte zu einem hohen Effizienzgewinn, auch für Logistikanbieter in der Schweiz. Und zu Vereinfachungen im Handel und im Transportwesen. In Europa überqueren etwa 57 Millionen Warensendungen jährlich die Grenzen. Die zusätzlichen Kosten könnten 470 Milliarden pro Jahr ausmachen, wie der Finanzdienstleister Bloomberg die Vereinten Nationen zitiert. Während heute ununterbrochen Waren ausgetauscht werden, nicht zuletzt zum Unterhalt von Industrieanlagen und Produktionsstrassen in Fabriken, so entstünden dabei Betriebsausfallkosten etwa durch Verspätungen.

Binnenparadies am Ende

Patrick Gantenbein relativiert diese Befürchtungen: «Generell kann man sagen, dass die Schweiz ein duales Zoll-, respektive Grenzsystem hat. Das heisst, der LKW-Verkehr und der PW-Verkehr werden vor den meisten Passagen voneinander getrennt, respektive gefiltert. Der LKW-Verkehr, sprich der Handelswarenverkehr, wird zum Zollamt geführt und dort erfolgen die entsprechenden risikogerechten Stichprobenkontrollen. Der PW-Verkehr wiederum wird zum Grenzwachtposten geführt und dort erfolgen bei den Reisenden stichprobeartige Zollkontrollen von Privatwaren; bei einem polizeilichen Anfangsverdacht kann auch die Person kontrolliert werden.» Den Willen zur effizienten Kontrolle spüren auch die Spediteure, so erklärt Judith Moser: «Wir wissen und spüren, dass die EZV viele erfolgreiche Anstrengungen unternahm und unternimmt, um den kommerziellen, grenzüberschreitenden Warenverkehr so reibungslos wie möglich zu gestalten.»

Dieses wirtschaftliche Binnenparadies scheint nun am Ende: Frankreich, Österreich, Deutschland und Schweden haben als erste ihre Zollkontrollen verstärkt. Am österreichischen Brennerpass etwa gehören Grenzkontrollen mittlerweile zum Alltag. Wodurch sich die LKWs an einem neuralgischen Punkt gar noch länger stauen würden.

Mehraufwand

Die Grenzwache würde aber trotz verschärften Grenzkontrollen, Personen- und Handelsverkehr trennen, präzisiert Patrick Gantenbein: «Aufgrund des dualen Systems ist verkehrsmässig der PW- und LKW-Verkehr bei vielen Grenzübergängen getrennt, was sicher ein Vorteil ist, wenn es im einen oder anderen Fall zu einem Ereignis kommt, das zu Wartezeiten führen kann. Da die Schweiz nicht Mitglied der europäischen Zollunion ist, finden an unseren Landesgrenzen auch im Handelswarenverkehr seit jeher risikogerechte Warenkontrollen statt.»

In Basel als Grenzstadt wären die Folgen nicht von schlechten Eltern. Nicht nur, was die Grenzgänger angeht, sondern auch, was den Güterverkehr betrifft: So wurden im Rekordjahr 2005 fast 20 Millionen Tonnen an der Grenze abgefertigt, 2014 waren es immer noch rund 6 Millionen Tonnen, alleine in den Rheinhäfen, wie die Basler Statistik ausweist. An Verschärfungen an der Grenze hat niemand Freude, sagt Judith Moser: «Es hat also definitiv immer Auswirkungen auf unser Geschäft, wenn Länder ihre Import-, Export- oder Zulassungsvorschriften verschärfen: Wir haben Mehraufwand.»