Guten Appetit. ©Keystone
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  • Andreas Schwald
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Gefährlich: Auch Basler bunkern zu viele Medikamente in Hausapotheken

Schweizer Medikamentenschränke sind chronisch überfüllt. Das ist nicht praktisch, sondern gefährlich: Zu oft tragen Medikamente mit dem gleichen Inhaltsstoff andere Namen. Das kann zu Überdosierungen und damit üblen Folge-Erscheinungen führen.

Was für ein Anblick auf der Ablage: Da stapeln sich bunte Medikamentenpäckchen, aufgerissene, noch verschlossene und die Hälfte davon ist sicher schon abgelaufen. Hier das Dafalgan für die üblichen Monatsschmerzen, dort das Antibiotikum von der letzten Blasenentzündung und irgendwo noch ein paar Salben und das allgegenwärtige Ibuprofen. Vielleicht braucht mans ja mal, wenn es wieder mal vom Rücken her zieht.

Praktisch, aber alles andere als schlau. Denn so wird Selbstmedikation im Handumdrehen zur Selbstvergiftung. Auch in Basler Wohnungen werden Hausapotheken zu wahren Giftschränken, und das nicht nur bei Menschen, die wegen chronischer Beschwerden auf viele verschiedene Pillen und Tabletten angewiesen sind. Denn mit der rasanten Zunahme an Generika tragen Medikamente mit demselben Wirkstoff oft verschiedene Namen. Das betrifft verschreibungspflichtige Medikamente genau so wie die, die man einfach über die Theke in der Apotheke kaufen kann. 

«Wer dann nicht aufpasst, läuft Gefahr, ohne es zu bemerken mehrfach denselben Wirkstoff einzunehmen», sagt Professor Christoph Meier, Departementsvorsteher der Apotheker an der Universität Basel und Leiter der Spitalapotheke des Universitätsspitals. Vielleicht wurde ein Medikament vom Hausarzt verschrieben und dasselbe nochmal als Austrittsrezept nach einer Behandlung im Spital, ein drittes Mal hatte man es noch von früher. «Das Problem ist oft die fehlende Übersicht, da wird der Patient schnell überfordert.» Und vom Konsumenten kann man eben nicht erwarten, dass er eine pharmakologische Grundausbildung genoss.

Ein deftiger Wirkstoff-Cocktail – und Keime

Gerade für ältere Patienten, die viele Medikamente einnehmen müssen, bieten die Schweizer Apotheken einen so genannten Polymedikations-Check an. Da kann der Apotheker auch zum Patienten nach Hause und den Medikamentenschrank mal ordentlich ausmisten. «Es ist schon erstaunlich, was man dort alles findet, oft eben genau denselben Wirkstoff in mehrfacher Ausführung», sagt Meier.

Forscher der Universität Basel hatten das Phänomen der überfüllten Hausapotheken vor einiger Zeit ebenfalls überprüft und die Resultate an den Berufsverband Pharmasuisse weitergereicht. Tatsächlich haben die Schweizer zu viele Medikamente zu Hause, besonders auch in Kantonen, in denen der Arzt mittels der so genannten Selbstdispensation selbst Medikamente abgibt. «Verlässliche empirische Daten haben wir allerdings nicht, wir können also nicht in Prozentangaben sagen, wie viele Haushalte betroffen sind», sagt Meier. Tatsache sei aber aus eigener Erfahrung: Es sind viele.

Die Überdosierung ist dabei das eine, abgelaufene Medikamente sind das andere. Vor allem bei flüssigen und feuchten Mitteln – Augentropfen, Hustensirup, Crèmes – sind Verunreinigungen problematisch. Was angebrochen ist, fällt bald Keimen anheim. Und damit eine offene Wunde zu behandeln, empfiehlt keiner, zuallerletzt der Chefapotheker des Unispitals: «Die Medikamente sollten regelmässig entsorgt und gegebenenfalls ersetzt werden.» Dass abgelaufene Tabletten giftig werden, ist allerdings selten der Fall; die verlieren nach einer gewissen Zeit allenfalls einfach ihre Wirkung. 

Alles Sondermüll

Deshalb: Weg mit dem Zeug. Medikamente zurückgeben kann man in der Region in jeder Apotheke. Eingestuft sind sie als Sondermüll und dürfen deshalb von Gesetzes wegen nicht in den Hauskehricht. Gerade aktive Wirkstoffe wie Tumor-Medikamente und ähnliches gehören nicht in den normalen Hauskehricht. Das ist aber nicht in der ganzen Schweiz so einfach, in einigen Kantonen wie in Zürich nehmen Apotheken nur die Medikamente zurück, die sie auch eingekauft haben, wie der Tages-Anzeiger am Montag berichtete: Der Aufwand wäre zu gross. Der Verband Pharmasuisse plädiere deshalb für eine vorgezogene Recyclinggebühr, ähnlich wie bei Elektrogeräten.

Mit den Gesetzesrevisionen im Rahmen der neuen Gesundheitsstrategie des Bundes erwarten die Schweizer Apotheker nun eine Verbesserung der so genannten Compliance, also der Kontrolle bei der Abgabe. Denn spätestens wenn auch die Apotheker in Zukunft rezeptpflichtige Medikamente teilweise ohne Rezept abgeben dürfen, dann muss auch die Kontrolle sichergestellt werden. Ansonsten die Mehrfachanwendung ein- und desselben Wirkstoffs die Gesundheit nicht fördert, sondern schlimmstenfalls zerstören kann.

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