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  • Jonas Egli
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Homöopathie für Basler Mutterkuh Berta: Tiermedizin zwischen Wissenschaft und Hokuspokus

Homöopathie für Kühe? Shiatsu für Wuffi? Ja, das gibt es auch in Basel: Die Alternativmedizin hat auch die Tiermedizin erobert. An der Uni Bern geben sie den Tierärzten Akupunktur-Kurse und auch in der Region werden Kühe mit Globuli versorgt. Das hat allerdings triftige Gründe.

Die Veterinärfakultät der Universität Bern hat verkündet: Ab Mai werden Akupunkturkurse für die Therapie von Kühen angeboten. Der Kanton Freiburg, der im Projekt involviert ist, ergänzt, man möchte besonders den Einsatz von Antibiotika bei der Tiermedizin mit alternativen Heilmethoden reduzieren. Dafür wird extra eine australische Spezialistin für Tier-Akupunktur eingeflogen. Das Projekt ist schweizweit ein Novum. Doch Komplementärmedizin für Nutztiere ist bereits im Kommen. 

Die Umkehr im Denken ist nicht nur einer esoterischen Mode zuzuschreiben, sondern hat ganz reale Gründe: Antibiotika in Milch und Fleisch macht auch die für Menschen gefährlichen Erreger auf Dauer resistent. Diese Antibiotika-Resistenzen sind zunehmend ein Problem. Krankheitserreger, die früher mit klassischen Medikamenten einfach behandelt werden konnten, überleben dann diese Therapien.

Bei grossen Tieren wird Homöopathie bevorzugt

Der Baselbieter Kantonstierarzt Thomas Bürge bejaht, dass die exotischen Methoden als ergänzende Therapie durchaus gang und gäbe seien. Der Trend zur Akupunktur sei zwar bereits wieder am Abflauen, Homöopathie ist jedoch immer noch beliebt. Auch die Bauern wenden die Methode gern an. Der kantonstierärztliche Dienst ist noch immer auf die klassische Medizin fokussiert, er erteilt aber die Bewilligungen für die alternativen Behandlungen. Die Anwendung sei ziemlich weit verbreitet, genaue Zahlen habe das Amt jedoch nicht.

Ob die Homöopathie nun wirkt, ist noch schwieriger zu beurteilen als beim Menschen. Eine Kuh kennt keinen Placebo-Effekt und fragen, ob sies nun besser findet als die klassische Methode, kann man Mutterkuh Berta auch nicht. Alternative Medizin ist allerdings – wie beim Menschen – nicht ganz billig. Kommt beim hochdotierten Rennpferd nach der Massage zur Steigerung des Wohlbefindens vielleicht noch eine Akupunktur hinzu, greift man bei einer ganzen Kuhherde kaum zu den filigranen Nadeln. Hier bietet sich Homöopathie eher an.

Bild: Keystone

Wo Mensch und Tier sich gleichen

Mit Nadel Tiere zwecks Heilung stechen ist übrigens nicht abwegig: Menschen unterscheiden sich zwar von Tieren, die Energetik sei aber bei allen Wirbeltieren vorhanden. Dies sagt Dr. Esther Cachet, Spezialistin für traditionelle Chinesische Medizin (TCM) beider Spezies.

Bei Haustieren zieht der Trend erst richtig. Die Nähe, die wir zu unserem Hund oder Goldfisch oder zur Katze empfinden, fördert auch die Bereitschaft, sanftere und ausgefallenere Ansätze zur Heilung zu versuchen. Auch bei den menschlichen Begleitern ist Akupunktur eher angesagt. Hier muss man allerdings keine Ärztin aus Australien einfliegen, Spezialisten dafür gibt es in Basel. An diese werden die Anfragen weitergeleitet, denn kaum eine Tierarztpraxis piekst selbst. Spezialisten ihres Vertrauens übernehmen die Fälle.

Eine davon ist eben Esther Cachet, sie nimmt sich der Fälle der Kleintierpraxis Sevogel an. Die Kleintierpraxis an der Nauenstrasse erachtet «Ganzheitlichkeit» als wichtigen Aspekt ihrer Tätigkeit. Cachet erkennt den Bedarf, bemängelt jedoch, dass die traditionelle Medizin für ihre Tiere immer noch als Zusatz angesehen wird: «Man könnte in vielen Fällen noch mehr erreichen.»

Lieber zu früh als zu spät versuchen

Was Cachet dabei stört, ist, dass Ratsuchende zu spät bei ihr auftauchen. «Ja, es funktioniert, man kann mit solchen Behandlungsmethoden den Medikamenteneinsatz reduzieren.» Leider wollen die Tierhalter zuerst keine Medikamente absetzen und kommen erst nach zig Fehlversuchen zu Cachet. «Man kann nicht mit Antibiotika anfangen und in der Mitte der Behandlung wechseln. Genau dann drohen eben Resistenzbildungen.» Für nichtakute Fälle ist aber alles, was es für Menschen gibt, auch für den Vierbeiner erhältlich. Von Shiatsu-Massagen über Misteltherapie, von Ernährungsberatung bis zur Osteopathie.

Sieht abwegiger aus, als es ist. Akupunktur für den Hund. Bild: Wikipedia/Ziv Pugatch

Tierarzt Patrick Hensel von der Tierdermatologie Basel arbeitet ebenfalls mit Spezialisten zusammen: «Die Leute werden skeptischer gegenüber starken Medikamenten wie Kortison oder Antibiotika. Aber manchmal braucht es das halt trotzdem.» So werden die alternativen Heilmethoden beliebter, nicht nur bei Nutztieren wie Kühen oder Pferden, sondern auch für die kleinen Haustiere.

Wo Tierarzt draufsteht, muss also nicht gleich eine so genannte Rosskur drinstecken. Wobei die Rosskur bekanntlich ein irreführender Begriff ist: Pferde gelten als ausnehmend sensibel, Medikamentenbomber sind bei den Tieren ebenso wenig angebracht wie bei Menschen mit gängigen Befindlichkeitsstörungen. Insofern passt es ja: Eine Akupunkturbehandlung fürs potente Rennpferd schont nicht nur den Körper, sondern hilft auch im Kampf gegen resistente Erreger. Und das kommt am Schluss ja auch wieder dem Menschen und seiner Schulmedizin entgegen.

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