Kopfhörer im Strassenverkehr: Bild aus einer Präventionskampagne der Verkehrspolizei Sydney
Kopfhörer im Strassenverkehr: Bild aus einer Präventionskampagne der Verkehrspolizei Sydney
  • Chris Klein
  • Aktualisiert am

Kopfhörer auf der Strasse: erlaubt, verboten, geduldet?

Das Strassenverkehrsgesetz sagt: Kopfhörer im Strassenverkehr sind nicht grundsätzlich verboten. Erlaubt allerdings nur bis zum Moment, in dem etwas passiert. Die Basler Polizei versucht einzugreifen.

Natürlich hätte die junge Frau die Geleise im Bahnhof Pully am 20. Mai 2015 nicht überqueren, sondern die Unterführung benutzen sollen. Tödlich aber waren die Kopfhörer: Die 18-Jährige hatte den herannahenden Zug nicht gehört.

1’100 Personen werden in der Schweiz jährlich wegen Unaufmerksamkeit im Strassenverkehr schwer oder tödlich verletzt. Präzise Zahlen, wie viele dieser Unfälle auf das Konto von Smartphones und Musik-Playern gehen, gibt es nicht.

Martin Schütz, Mediensprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt, sagt gegenüber barfi.ch: «Auch unsere Unfallstatistik gibt keinen Aufschluss darüber, wie viele Unfälle auf Unaufmerksamkeit wegen des Tragens von Kopfhörern zurückgehen.» Warum exakte Zahlen schwer zu erheben sind, erklärt Schütz unter anderem damit, dass «gerade bei Fussgängern und Velofahrern eine Dunkelziffer besteht, da viele ihre Unfälle der Polizei gar nicht melden.»

Erlaubt, solange nichts geschieht

Die Rechtslage ist heikel: Das Tragen von Kopfhörern im Strassenverkehr (Musik, Mobiltelefon etc.) ist gemäss Strassenverkehrsgesetz grundsätzlich nicht verboten. Fahrzeugführerinnen und Fahrzeugführer – vom Velo über Motorrad bis Lastwagen – müssen aber jederzeit dem Strassenverkehr die notwendige Aufmerksamkeit zuwenden können. Heisst das tatsächlich, solange nichts geschieht, ist alles bestens und wenn’s kracht, schlägt auch das Gesetz zu?

Im Prinzip ja: «Wird beispielsweise ein Velofahrer mit aufgesetzten Kopfhörern in einen Unfall verwickelt, trägt er unter Umständen eine Mitschuld. Dies gilt auch für Fussgängerinnen und Fussgänger. Solche Personen können verzeigt werden, je nachdem droht ihnen zudem eine Leistungskürzung der Versicherung», bestätigt Schütz.

Die Basler Verkehrspolizei nimmt sich immer wieder einmal Velofahrerinnen und Velofahrer vor: So werden immer wieder Personen verzeigt, die auf dem Velo unterwegs sind und aufgrund zu lauter Musik aus Kopfhörern nicht auf ein Ansprechen reagieren.

Shitstorm über Giezendanner

Der Aargauer SVP-Nationalrat und Transportunternehmer Ullrich Giezendanner wollte vor zwei Jahren vom Bundesrat abklären lassen, ob ein absolutes Kopfhörerverbot im Strassenverkehr denkbar wäre und löste damit einen gewaltigen Shitstorm aus: «Ein Kopfhörerverbot ist Freiheitsberaubung» meint ein Facebook-User, ein anderer: «Bald wird das Verbieten noch verboten. Ein Witz!» Besonders drastisch äussert sich ein Denny K.: «Was macht Herr Giezendanner dann mit den Gehörlosen im Strassenverkehr?» Und zynisch reagiert Nicolas P.: «Grundsätzlich super Ansatz. Ich bin auch dafür, den Leuten vorzuschreiben, was sie wie zu tun haben. Gegen Fettleibigkeit wird dann ein 3000-Kalorienverbot ausgesprochen, das Benutzen von Liften & Rolltreppen wird untersagt und alle Rollkoffer verbrannt.»

Fakten sprechen gegen Kopfhörer

Wenn man Fakten zu Rate zieht, sind Spott und Hohn fehl am Platz: Akustik-Experten der Suva haben errechnet, dass ein Fahrradfahrer ohne Kopfhörer ein mit 50 Stundenkilometer von hinten nahendes Fahrzeug auf 16 Meter Distanz wahrnimmt und ihm so zwei Sekunden Reaktionszeit bleiben. Trägt der Velofahrer aber Kopfhörer mit 80 Dezibel Musik, was der üblichen Lautstärke entspricht, nimmt er das Fahrzeug erst auf drei Meter Abstand wahr. Ihm bleiben lediglich 0,3 Sekunden für eine Reaktion. Oft zu kurz, um der Gefahr zu entkommen.

"Diese Resultate belegen, dass auch mit vernünftiger Lautstärke das Tragen von Kopfhörern im Strassenverkehr fatale Konsequenzen haben kann", sagt Beat Hohmann, Leiter des Bereichs Physik der Suva.

 In Basel noch akzeptiert, bereits im Elsass streng verboten

Unsere Nachbarländer tun sich ebenfalls schwer mit dieser Problematik. In Italien, Deutschland und Österreich gelten ähnlich schwammige Regeln wie in der Schweiz. Einzig in Frankreich gilt seit Mitte Jahres – was Auto- und Motorradfahrer betrifft – ein absolutes Kopfhörerverbot im Strassenverkehr, Headsets für Mobiltelefone inbegriffen.