Bild: Keystone
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  • Christian Platz
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Saugrob: Die Anfänge unseres Fasnachtshumors. Niveau kam erst später

Fein, aber bissig, giftig, aber mit Niveau, böse, aber nicht tödlich verletzend, so solle er sein, der vieldiskutierte Basler Fasnachts- und Vorasnachtshumor. Doch wo liegen sie eigentlich, die Ursprünge dieser berühmten Spezialität vom Rheinknie? 

Die Fasnacht in ihrer heutigen Form, mit ihrem ausdifferenzierten Regelwerk gibt es seit etwas mehr als hundert Jahren. Doch ihre Ursprünge liegen, wie jene aller Karnevalsbräuche, in den Untiefen des Mittelalters, als Basel noch katholisch war. Und diese Ursprünge hatten mit feinziselierten, sorgsam erdachten Pointen recht wenig am Hut. Vielmehr waren sie zotig, böse, blasphemisch, gewalttätig.  Deshalb haben die kirchliche und die weltliche Obrigkeit die Fasnacht damals bis aufs Blut bekämpft. Doch diesen Kampf haben sie verloren...

Angst vor den niederen Ständen

Im Mittelalter hatte die Obrigkeit während der Karnevalszeit Angst vor dem Volk, vor allem vor den niederen Ständen. Die katholischen Fas(t)nachtstage – vom Rosenmontag bis zum Aschermittwoch – haben dabei nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Die tollen Tage begannen für die Leute gegen Mitte Januar und endeten anfangs März. Und in dieser Zeit wurde allerlei Unfug getrieben, über den sich die Täter amüsierten, unter dem die Opfer litten.

Prügel, Blasphemie und andere Grobheiten

Da zogen die Burschen mit russgeschwärzten Gesichtern, alten Nachhemden und sonstigen Lumpen an den Leibern durch die Nächte, warfen unliebsame Nachbarn in Brunnen und Flüsse oder prügelten sie halb tot, auch andere Streiche von der gröbsten Sorte, manchmal mit Todesfolgen, waren im Schwange. An den Fasnachtstagen selber wurde mit Vorliebe Blasphemie getrieben, die Kombination aus geistlichen Kleidern und obszönen sexuellen Zurschaustellungen war besonders beliebt. Es gab in der Karnevalszeit, bevor die entbehrungsreiche Fastenphase begann, Unruhen, Kämpfe, Aufstände, Minderheitenhatz und alles, was so dazu gehört. Von dem, was wir heute als Humor bezeichnen, war wenig zu spüren.

Subversives Potenzial

Als sich Basel im Jahr 1529 zur reformierten Stadt erklärte, versuchte die neue Obrigkeit sogleich die Fasnacht zu verbieten. Doch auch sie scheiterte an diesem Unterfangen, trotz empfindlicher (Körper-) Strafen, mit denen jene zu rechnen hatten, die gegen dieses Verbot verstiessen. Die verrückten Tage waren wegen ihres subversiven Potenzials gefürchtet. Durch Zunftgelage, Waffenmusterungen mit Umzügen (man denke an die drei Glaibasler Ehrenzeichen) und ähnliche Veranstaltungen. In diesem Zusammenhang formte sich vieles, was die Basler Fasnacht noch heute kennzeichnet.

Prachtvolle Auftritte

Auch die Festlegung auf den Termin der «Bauernfasnacht», die eben eine Woche nach der «Herrenfasnacht» über die Bühne geht, fällt in diese Zeit. Wann und warum er sich in Basel-Stadt festgesetzt hat, konnte allerdings bis heute nicht geklärt werden. Als die Fasnacht zu einer akzeptierten Angelegenheit wurde, waren die Sujets an den Umzügen vor allem von prachtvollen Auftritten geprägt – und von der Musik. Die humoresken Einlagen kamen er von der Strasse, aus dem Publikum.  

Intrigieren

Die Basler Fasnacht, wie wir sie heute kennen, ist klar ein Kind des 19. Jahrhunderts, den Morgestraich mit Trommlern gibt es seit 1835, vorher war das Ruessen um diese Zeit schlicht verboten. Der damalige Fasnachtshumor war vor allem durch das Intrigieren geprägt, mit einer Larve vor dem Gesicht sagt man Leute, die man kennt, all das ins nackte Antlitz, was sie nicht gerne über sich hören. Diese Form löste sich mit dem Wachstum der Stadt allerdings auf, weil sie nur funktioniert, wenn alle sich kennen.

«Zem Kotze raize»

Eine weitere Plattform für Humoreinlagen waren – nebst den Schnitzelbänken, die ja eng mit dem rheinischen Karneval aus Deutschland verwandt sind, auch wenn dies viele Leute hier nicht so gerne hören (oder lesen) – die vorfasnächtlichen Theateraufführungen, die sehr wortlastig und meist abenfüllend waren. Da war von «Frässene» die Rede «wo aim zem Kotze raize», wurden Fäkalsprache und Fluchworte à discretion eingesetzt; hemmungslos, bis in die späten 1920iger Jahre hinein.

«Derf me das no?»

Der heutige Fasnachtshumor entstand im Wesentlichen nach dem Zweiten Weltkkrieg, als die drey scheenschte Dääg endlich wieder stattfinden durften. Gerade in den 1960iger und 1970iger Jahren war man diesbezüglich sehr empfindlich. Ausser, wenn es um wirklich unbeliebte Figuren ging, wurde in Basel Niveau gefordert. Damals entstand sie, jene Frage, geäussert am Strassenrand und in den Medien: «Derf me das no?» Was dazu führte, dass sich die Fasnacht immer stärker auf ihre ästhetische Seite konzentrierte – und ihren rohen Ursprüngen kaum mehr Tribut zollte (ausser in den Beizen, wo an der Fasnacht immer bodenlos kaputte Sprüche gefallen sind und fallen werden).

Ausziselieren und Verfeinern

Zum Glück hat sich dies im Verlauf der 1980iger Jahre wieder aufgeweicht  – und die frächi Basler Fasnachts-Schnuure durfte sich, in Wort, Schrift, Bänggler-Gesang und Bild wieder mehr erlauben. Trotzdem war die lange Phase des Ausziselierens und Verfeinerns des Humors eine gute Sache, denn selbst wenn der Basler Fasnachtswitz böse daherkommt, was er heute wieder darf und soll, wird ein gewisse Niveau nicht unterschritten – und das ist gut so.

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