• Nathan Leuenberger / Andreas Schwald

Welch Erlebnis: mit einem Original-Reiseführer des Mittelalters quer durch das heutige Basel

Wie war es wohl, im 16. Jahrhundert durch Basel zu reisen? Was gab es zu sehen und wo war «the place to be»? Ein 16-Jähriger Basler Schüler beantwortet derzeit die Fragen. Natürlich nicht dank einer Zeitmaschine: Er übersetzt den ausser für Sprachübungen in Vergessenheit geratenen lateinischen "Basler Reiseführer" von Theodor Zwinger über die wichtigsten Kapitel zum ersten Mal aus de romanischen Sprache ins Deutsche.

Xaver Dill

Xaver Dill

Es ist ein kühler Samstagabend und auf den Basler Strassen liegt Schnee. Es riecht aber nicht frisch in dieser Stadt, sondern ein leichter Fäkalduft durchdringt die Gassen. Die vier ausländischen Studenten in den hochgeschlossenen, schweren Mänteln sind etwas angespannt, während sie unter den Vordächern den Nadelberg entlang stapfen. Wir schreiben das Jahr 1578 und die Stadt hat gerade eine weitere schwere Pestepidemie hinter sich. Dennoch freut sich unser kleines Grüpplein italienischer Studenten: Schliesslich haben sie sich ein hübsches Tagesprogramm zusammengestellt, um die Stadt zu entdecken. Ihre Quelle: Der Reiseführer von Theodor Zwinger aus Basel. Erst ein bisschen Aussicht und Flirten auf der Pfalz, dann Abhängen im verschneiten Schützenmattpark.

Immer mit dabei: Eine Art Ururururururgrossvater der heute zahlreichen Anleitungen für Touristen auf der ganzen Welt, wie «Lonely Planet», der nach eigenen Angaben grösste, aber nicht unumstrittene Vertreter dieser Gattung. Verfasst hatte die Anleitung für unsere Gäste vor bald einem halben Jahrtausend jedoch der Basler Theodor Zwinger. Das mehrbändige Werk erschien unter dem Namen «Methodus Apodemica» im Jahr 1577 und war zu seiner Zeit eine Revolution. Wirkliche Reiseführer waren auch für die ganz grosser Städte wie Rom, Paris, London etc. äusserst rar. Die Menschen kamen auch nicht leicht dazu, sich von ihrem angestammten Wohnort aus reinem Vergnügen wegzubewegen. Zudem war Reisen seinerzeit eine gefährliche Sache: Die Welt war roh, unbekannt und ohne elektronische Kommunikationsmittel. Noch Jahrhunderte bis Bahn, Auto und Flugzeuge erfunden wurden.

Gelesen haben Sie als Bewohner dieser Region diese nun in wichtigen Teilen übersetzte Mutter unserer heutigen Reiseführer wahrscheinlich nie, ausser Sie verfügen über sehr gute Lateinkenntnisse: Denn das 1577 erschienene imposante Buch wurde - kaum zu glauben - bis heute nie in die deutsche Sprache übersetzt. Das wird sich jetzt ändern: Dank Xaver Dill (16, Eleve!) werden auch wir Normalsterblichen erfahren, wie es sich anfühlte, durchs spätmittelalterliche Basel zu flanieren.

Eine Seite aus dem «Methodus Apodemica»

Eine Seite aus dem «Methodus Apodemica»


Xaver Dill ist kein Historiker, der intelligente und findige Jungautor ist derzeit Maturand – und Zwingers Monsterwerk die Grundlage seiner Abiturarbeit. Mit der Übersetzung dieser komplexen Buchreihe hat er sich Grosses vorgenommen; deshalb bewirbt er sich damit auch beim Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht», wo er die erste Vorrunde bereits überstanden hat. Vor allem das dritte Buch tat es ihm an, dort wird das alte, damals junge Basel genauer unter die Lupe genommen.

So sah der Autor aus: Theodor Zwinger

So sah der Autor aus: Theodor Zwinger

«Meine ursprüngliche Idee war es, selbst einen Reiseführer für Basel um 1500 zu verfassen. Da ich hierfür jedoch zu wenig konkrete Vorstellungen hatte, schlug mir mein Vater vor, Übersetzungen von Teilen des Methodus zu machen. Natürlich wegen meines grossen Interesses an der Basler Geschichte», so Dill gegenüber barfi.ch. Und dann selbstverständlich auch seine Lateinkenntnisse.

Das 16. Jahrhundert ist eine geschichtsträchtige Zeit für die Handels- und Humanistenstadt Basel: Die Pest war noch eine furchtbare Plage und die Reformation der Kirche in vollem Gange. Dank Fortschritten in Medizin und Wissenschaft aber dürstete es die Rheinbürger langsam danach, die Welt zu entdecken. Auch von ausserhalb reisten viele, vorwiegend Studenten, ans Rheinknie um die historische Stadt zu sehen und erleben. Und das war damals gar nicht so anders wie heute, musste Xaver Dill während seiner Arbeit feststellen: «Besonders faszinierend finde ich, dass die meisten Gebäude aus dem Reiseführer noch heute zu sehen sind.» Und man ging eben schon in den 1570er-Jahren zur Schützenmatte um sich zu erhohlen oder auf die Pfalz, damals: «den schönsten Aussichtsplatz von Basile».

Um den «Methodus Apodemica» besser zu verstehen tauchte Dill weiter in die Geschichte Basels ein. Die Recherchen überstiegen bald die einer normalen Maturarbeit und so legte ihm sein Betreuer nahe, dass er sich bei «Schweizer Jugend forscht» anmelden soll. «Mich interessierte, wie Experten meine Arbeit verbessern würden, deshalb habe ich mich beworben.» Zusammen mit sieben weiteren Teilnehmern aus der Region nimmt er diese Wochenende an einem Workshop teil, im Rahmen dessen er seine Arbeit genauer vorstellte und sich mit seinen Mitforschenden austauschen kann. Am 15. und 16. Januar werden die besten eingereichten Arbeiten von «Schweizer Jugend forscht» ausgewählt und prämiert.

Christoph Merians Stadtplan vom 1615 zeige auch das Basel von 1577

Der Merian-Plan vom 1615 zeige auch das Basel von 1577 sehr genau.


Sollte Xaver Dill nicht nur Basler Flaneure, sondern auch die Experten beeindrucken, winken Sonderpreise und die Teilnahme an Wissenschaftsveranstaltungen. Perfekt für jemanden, der sich mit einem lateinischen Reiseführer auseinandergesetzt hat. Und sicher ist der junge Forscher bereit zu publizieren, wo genau die jungen Touristen in Basel übernachteten, assen und das Gegenteil davon erledigten. Gab es geheime Plätze für Interessen am anderen (oder vielleicht sogar bereits am eigenen Geschlecht?), wie und was wurde bezahlt und musste besonders auf den Geldbeutel und den eigenen Schädel aufgepasst werden. Wurde bereits im 1412 noch an anderer Stelle gegründeten Gasthof zum goldenen Sternen, oder unter freiem Himmel genächtigt? Durfte getanzt werden, was gab's zu essen? Weiter Informationen erhoffen wir uns aus dem Rest der Buchreihe von Herrn Zwinger. Mit 16 Jahren ist der hochbegabte Forscher Garant für viele interessante Details. Denn seien wir ehrlich: die wichtigsten Wünsche und Bedürfnisse der angereisten Jugend waren vor hunderten von Jahren nicht gross anders, als heute. Aber erst nach dem Besuch des Münsters - versteht sich.